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Mai 14, 2014

„Berlin ist wie eine Pizza“ – Insights von der Media Convention (Teil I)

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Letzte Woche konnte ich ein bisschen neue Messeluft schnuppern und am Dienstag die erste Media Convention Berlin, organisiert vom Medienboard Berlin-Brandenburg, besuchen. Besonders einen Vortrag habe ich mit Spannung mitverfolgt. Moderiert von Jo Schück (ZDF) diskutierten Björn Böhning (Chef der Berliner Staatskanzlei), Klaas Heufer-Umlauf (Moderator, Produzent), Dagmar Reim (Intendantin rbb) und Boris Wasmuth (Mitbegründer und Marketing Direktor GameDuell) unter dem Titel „Berlin Baby! Visions for the Future of the Cooles City on Earth!” darüber, wie es mit dem Berliner Medienstandort weiter geht, was die Vor- und Nachteile der Stadt sind und ob Berlin als Startup-Metropole überhaupt noch gehyped werden kann. Eine kurze Zusammenfassung der Veranstaltung gibt es jetzt von mir:

„Kommt her und macht etwas“

Dagmar Reim, Intendantin des rbb, ist der Meinung, dass die größte Attraktion der Stadt ihre Offenheit sei. Ich nicke heftig und auch Björn Böhning, Chef der Berliner Staatskanzlei, stimmt ihr zu und beschreibt, dass es auch niemals einen konkreten Stadtentwicklungsplan gab, sondern nur den Ruf „Kommt her und macht etwas!“. Dadurch biete Berlin genau den richtigen Raum und die vielfältigen, freien Flächen, in denen kreative Köpfe ihre Ideen frei entwickeln können.

Die Suche nach Engineering Stars

Laut Boris Wasmuth, Mitbegründer und Marketing Direktor von GameDuell, fehlen der Stadt für den nächsten „big Step“ die IT-Fachkräfte, da Berlin noch kein Technology Hub sei. Ich denke sofort an die vielen Studenten der TU und die vielen jungen Technik-Talente, die ich kenne, doch Wasmuth betont, dass ihm nicht die frischen Uni-Absolventen fehlen, sondern Spitzenkräfte mit Senior-Status. Aus seiner eigenen Erfahrung weiß er, wie schwer es ist, diese „Engineering Stars“ zum Beispiel aus den USA nach Deutschland zu holen, einfach aus dem Grund, dass noch nicht genügend Infrastrukturen für deren Familien vorhanden seien. Das größte Lockmittel der Headhunter sei aber weiterhin die Hauptstadt selbst, ihre Vielfältigkeit und Offenheit und genau diese müsse bewahrt werden.

„Not in my neighborhood“

Böhning knüpft hier an und appelliert an Unternehmen ihren Teil zur Fachkräftegewinnung beizutragen, indem sie wachsen, Neues schaffen und so noch mehr talentierte Köpfe ins Land holen. Er sieht aber auch die negativen Folgen der großen Erfolgsgeschichten. Wachstum führe zu neuen Entwicklungen, diese wiederum zu höheren Mieten (ich weiß genau, wovon er spricht) und somit zu weniger Freiräumen. Er plädiert dafür, die Vielfältigkeit zu erhalten und keine „Not in my neighborhood!“-Attitüde zu entwickeln.

Ist der Hype vorbei?

Auf diese Frage hin antwortet Wasmuth ganz klar mit einem Nein. Führ ihn heißt es jetzt an der Konstanz zu arbeiten, durchzuhalten und am Ball zu bleiben. Auch für Reim ist Berlin noch „in“. Die Gründe? Die Spreemetropole hat Flächen, Freiräume und immer noch vergleichsweise niedrige Mieten, so dass Projekte, wie zum Beispiel The Wye (http://www.thewye.de/) in Kreuzberg, entstehen können. In einem kurzen Video-Einspieler erklärt Leah Stuhltrager, die Gründerin vom The Wye, dass in ihrer Heimatstadt New York dieser Kunst- und Tech-Hubraum aus finanziellen Gründen niemals hätte entstehen können. Außerdem biete gerade Berlin einzigartige Räume und Plätze. Ich kann ihre Faszination und Liebe der immer präsenten Geschichte der Stadt, die gleichzeitig jeden Tag neu aussieht, nur teilen. Auch für Reim ist der Satz „Der Hype ist vorbei“ zu kurzfristig gedacht. Doch um die Kreativität zu halten, müssen sich laut Reim alle Parteien anstrengen. Am wichtigsten sei für sie die große Offenheit der Stadt, die auf jeden Fall bestehen bleiben müsse.

Freelancer = der neue typische Arbeiter?

Für mich überraschend setzt Heufer-Umlauf in seinen Statements nicht auf Coolness und Laissez-Faire, sondern auf Disziplin und Organisation. „Es kann nicht jeder her kommen und einfach denken, er kann machen, was er will.“ Jeder müsse trotzdem in Voraussicht arbeiten und diszipliniert sein. Wenn man seine Freiheit möchte, arbeiten möchte, wann, wie und wo man will, dann müsse man sich selbst Deadlines und Regeln setzen. Auch ich habe schon oft festgestellt, dass viele durch das coole Image der Hauptstadt denken, man kann hier einfach gut leben und herumhängen. Eine große Komponente des kreativen Arbeitens bestehe laut Heufer-Umlauf aber darin, das eigene Arbeits- und Privatleben selbst zu gestalten und diszipliniert anzugehen. Mit diesen Prinzipien soll es auch als Freelancer und Startup einfacher werden, in Berlin erfolgreich Fuß zu fassen. Gleichzeitig appelliert Heufer-Umlauf an die Politik. Der typische „Arbeiter“ kann heute auch ein Freelancer sein und dessen Arbeitsweise muss auch die Politik verstehen.

Berlin ist wie eine Pizza

Die Stadt braucht beides, den Professional und Bohemien Lifestyle, und Wasmuth liefert einen sehr amüsanten Vergleich: Berlin ist wie eine Pizza, in der Stadt treffen alle möglichen Zutaten aufeinander, aber zusammen gibt alles ein gutes und stimmiges Bild. Reim stimmt ihm zu, da es hier nie eine Monokultur geben werde, unter anderem aufgrund der Vielfalt der Theater, Museen und Galerien. Dass die Stadt und das Umfeld bezahlbar bleiben sollen, sieht sie ganz optimistisch, obwohl ich hier persönlich meine Zweifel habe. Doch sie betont noch einmal, dass Berlin auf seine ganz eigene Weise vital und lebhaft sei und dies auch bleiben wird.

Böhning unterstreicht unterdies, dass wir in Berlin nachhaltige Entwicklungen brauchen und keine Satelliten-Unternehmen aus den USA. Deutsche Startups müssen sich nicht nur entwickeln, sondern auch über eine Mitarbeiterzahl von 10-20 hinausgehen. Genau hier sieht er die Herausforderung für den Startup-Standort Berlin.

Berlin ist auf den ersten Blick nicht schön und wenn etwas schön ist, ist es eingekreist von Scheiße

…so scherzte Heufer-Umlauf zum Ende der Veranstaltung und das Publikum lacht. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb würde er jedem Kreativen raten, nach Berlin zu gehen. Er selbst arbeite mittlerweile lieber hier als in Köln oder Hamburg, auch wenn er sich zu Beginn erst einmal ein Netzwerk in Berlin aufbauen musste. „Wenn man viele neue Menschen ins Boot holt, entwickelt man sich automatisch weiter, es ist anstrengend, kann aber sehr belohnend sein“, so Heufer-Umlauf. Böhning betont des Weiteren, dass Standort und Wachstum auch immer eine Sache des Netzwerkes seien. Für jeden Unternehmenserfolg ist es wichtig, sein Geschäft zu verstehen und das dann „…gnadenlos zu executen“.

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Mein Fazit: Berlin ist und bleibt ein kreatives Zentrum, ein cooler Startup-Standort. Doch um wirklich den Hype zu halten, heißt es Ordnung und Disziplin einkehren zu lassen, ohne der Vielfalt und Offenheit der Stadt zu schaden. Im zweiten Teil berichte ich nächste Woche von einem weiteren Vortrag über die Erfolgsfaktoren von YouTube und wie sich jeder Medienschaffende eine Scheibe davon abschneiden kann.

 

Mia Marjanovic