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Juli 24, 2017

Storytelling Close-Up: Warum eine Musicaldarstellerin keine Rollen mehr spielen möchte

„Ich suchte mehr Tiefe.“

Walesca Frank

Sie hatte schon immer eine blühende Fantasie. Nahtlos schlüpft sie in eine Rolle hinein, springt von Identität zu Identität, von Charakter zu Charakter. Walesca Chloé Lauren Frank ist, seitdem sie sechzehn Jahre alt war, Musicaldarstellerin. Von We Will Rock you über Mamma Mia bis hin zu Stairways to Heaven hat die Schweizerin schon in vielen Geschichten mitgespielt. Doch die größte und wichtigste Story fand fernab der Scheinwerfer statt.

Der Start einer perfekten Künstlerkarriere

„Ich liebe es einfach irgendetwas zu spielen. Ich liebe es etwas darzustellen“, erklärt Walesca. Die 25-Jährige ist eine zarte, junge Frau mit großen politischen Meinungen. Mit ihren filigranen Fingern greift sie nach ihrem Chai-Latte mit Sojamilch und schaut aus dem Panoramafenster auf den grün bepflanzten Savignyplatz. „Ich mache es nicht wegen des Applauses, sondern weil es mir Spaß macht.“ Mit 16 Jahren startete ihre Karriere. Schnell und stetig, hangelte sie sich durch die größten und berühmtesten Musicals unserer heutigen Zeit. Als Teenager begann sie Musical & Show an der Universität der Künste zu studieren. Tagsüber drückte sie die Schulbank, abends zog sie ihre Kostüme an und stand bereits früh für das Musical Hairspray auf der Bühne. Die Segel waren gehisst, das Ziel ganz klar: Walesca Chloé Lauren Frank steuerte auf eine Künstlerkarriere zu.

Walesca Musical
Musicaldarstellerin Walesca

Gegen Klischees und auf die Weltbühne

„Beim Musical geht es darum, die Geschichte einer Person mit deinen eigenen Emotionen zu erzählen,“ beschreibt Walesca ihren beruflichen Alltag. Gesang, Tanz, Bühnenbild, Schauspielerei und das Skript, die Story selbst – Das Musical vereinnahmt als Storytelling-Form viele Erzählformate. Es ist ein Entertainmentspektakel, welches gegen das Klischee ankommen muss, mehr auf Unterhaltung, als auf Tiefe zu setzen. „Die Leute sagen, dass ein Musical damit anfängt, dass jemand einfach beginnt zu singen. Doch wenn ein Stück gut gemacht ist, dann fällt es den Zuschauern gar nicht auf, dass eine Person singt. Es passt. Es funktioniert. Das macht die Harmonie aus“, erklärt die junge Künstlerin.

Doch auch Walesca bekam ihre Zweifel, als sie eine Rolle annahm, wo der Regisseur ihr die Botschaft ihrer Rollen nicht mehr erklären konnte. Sie fragte sich, wie sie einen Charakter darstellen soll, ohne dass eine Botschaft oder ein tieferer Sinn dahinter steckt? „Stattdessen sagte er mir, dass ich auf die Nummer drei gehen muss, dann beim fünften Takt auf die Nummer vier soll und das war’s! Die Tiefe fehlte mir.“ Das war der Punkt, an dem sich Walesca dazu entschied den Schauplatz zu wechseln. Zu der Zeit war sie 22 Jahre alt und bewarb sich am Lee Strasberg Theatre & Film Institute in New York. Es zog sie zum Ursprung des Musicals. Doch was sie noch nicht wusste war, dass sie dort ihre eigenen Wurzeln entdecken würde.

Musicaldarstellerin Walesca

Von der Musicalmetropole zur eigenen Identität

In der großen quirligen Stadt, wo Künstler und Kreative wie Motten vom Showlicht angezogen werden, fühlte sich Walesca frei. Sie lernte viele Persönlichkeiten kennen, doch vor allem entdeckte sie sich selbst. Ein Blick in die Familienfotos der Franks zeigt, dass Walesca sich optisch ein wenig von ihren Eltern unterscheidet. „Ich hatte die beste Kindheit ever! Meine Eltern haben mich mit drei Monaten adoptiert“, erzählt sie stolz. Walescas Eltern sind weiß. Ihr Papa ist gebürtiger Schweizer und ihre Mutter kommt aus Spanien.

Mit 14 Jahren fand sie ihre leibliche Mutter, die ursprünglich aus der Dominikanischen Republik stammt. „New York hatte mich erstmals dazu gebracht, mehr über meine Herkunft nachzudenken. Dort lernte ich viele Dominikaner kennen, die ganz anders waren als das typische Bild, das ich davor hatte. Ich realisierte, wie cool es ist, wenn man stolz auf seine eigenen Wurzeln ist.

Es verbindet Menschen. Es gab mir Kraft und eine gewisse Freiheit.“ Sie wollte mehr wissen und führte in New York einen DNA-Test durch. „Das alles hat einen großen Denkprozess in mir angeregt: Man sollte eigentlich stolz sein, wo man herkommt. Wir alle stammen in gewisser Weise voneinander ab.“ Walesca baute mit ihren Klischees gegenüber ihrer eigenen Herkunft ab.

Wie die alte Welt auf die neue prallt

Zurück in Berlin machte Walesca weiter. Mit Mamma Mia versuchte sie sich wieder in ihre alte Rolle als Darstellerin zu fügen, sich dem Produkt Musical unterzuordnen, statt in Charaktere zu schlüpfen die eine emotionale Tiefe besaßen. Nachdem sie einen weiteren Auftrag für Stairways to Heaven annahm, spürte sie allmählich, dass sich etwas verändert hatte. Sie wollte mehr. Doch ein Schlüsselerlebnis sorgte dafür, dass sie realisierte, was gerade mit ihr passierte. Als sie für eine Rolle vorsang, erklärte die Castingdirektorin, dass sie ihre Rolle „ein wenig mehr Schwarz spielen muss“. Walesca verstand die Frau nicht. Sie wuchs in einem beschaulichen Heim in der Schweiz auf, klar hatte sie eine dunklere Hautfarbe, aber was bedeutet denn „ein bisschen mehr Schwarz“? Sie schaute sich die Medienwelt an und dachte über all die Menschen nach, die nicht gecastet wurden, wie sie auf der hinteren Bank saßen und für bestimmte Nummern nach vorne gezogen wurden. Die mangelnde Tiefe und die Klischees reichten über die Musicalbühnen hinweg. Sie sah, wie wenig schwarze Menschen in der Werbung und Talkshows vertreten oder selbst Moderatoren sind. Wenn sie welche fand, glätteten sie ihre Haare mit chemischen Mitteln, um in das vorherrschende europäische Bild hineinzupassen. Sie alle waren diejenigen, die eine Rolle spielten.

Ein kleiner Artikel und der Start ins Unbekannte

Quelle: Refinery29

Walesca realisierte, sie möchte ihre eigene Geschichte erzählen. Die Geschichte von vielen Menschen, die eine dunkle Hautfarbe haben und Deutsch sind. Sie schrieb einen Artikel auf Refinery29 mit dem Titel „Ich bin wütend, weil ich in der Drogerie keine Pflege für meine Locken finde“ und es schlug große Wellen. „Nach dem Artikel habe ich unfassbar viele Privatnachrichten von unterschiedlichen Personen bekommen. Da wurde mir bewusst: Es ist ein Thema! Es gibt Menschen dort draußen, denen es genauso geht wie mir!“ Statt in andere Rollen zu schlüpfen und sich wie ein Chamäleon immer wieder anzupassen, versucht sie nicht mehr sich zu verbiegen. Ihren Blog cielolover, einen Youtube-Channel und weitere Kanäle möchte sie von nun an nutzen, um ihre Botschaft zu teilen. „Es hat alles noch keine Form, aber es fühlt sich gut an. Ich weiß noch nicht, wo ich genau hingehen werde. Ich liebe Musicals und möchte weiterhin darin arbeiten, doch ich möchte mehr Tiefe haben.“ Walesca steckt mitten in einem Transformationsprozess. Ihre Reise durch die vielen Musicalbühnen und unterschiedlichen Städte haben sie nun an einen Punkt gebracht, wo sie in keine Rollen mehr hineinschlüpft, wo sie nun sie selbst ist.

Workshop

Storytelling Workshop Berlin

Beratung

Ciani-Sophia Hoeder
Beraterin bei Mashup Communications
Die leidenschaftliche Läuferin ist für jede neue Idee schnell zu begeistern. Ob am Telefon mit Journalisten oder im Tierschutz auf der Straße – Die Motivationskanone Ciani überzeugt ihre Mitmenschen und sprintet mit einer Würze aus Kreativität zum Ziel.