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Juli 19, 2018

Verrückte Geschichten von Zetteln, aus dem Taxi und dem Internet

Liams Bloglieblinge

Nicht jede bunte Blume auf der endlosen Wiese von Blogs und Influencern lohnt genauerer Betrachtung. Wir stellen euch in unserer „Meine Bloglieblinge“-Serie den süßesten Honig von Tumblr, Instagram & Co. vor. Dieses Mal mit jemandem, der laut Eigenangaben zu viel Zeit auf merkwürdigen Blogs verbringt: Liam aus dem Team Fusion.

Was bedeutet Blog für mich?

„Meine Stadt, mein Bezirk, mein Viertel, meine Gegend, meine Straße, mein Zuhause. mein Blog.“ Schon als das Internet noch ganz neu zu sein schien und der Besuch einer Website mit Telefonverzicht und unmelodischem Piepen begleitet wurde, fühlten sich viele Leute in einem Bekanntenkreis dazu motiviert, das Tagebuch zur Seite und die Führung eines Blogs auf die Agenda zu legen. Tatsächlich habe auch ich eins, zwei mal mit dem Gedanken geliebäugelt, meine mehr oder weniger interessanten Schreibeskapaden einer größeren Zielgruppe zugänglich zu machen.

Geblieben sind von diesem Plan nur einige Experimente mit WordPress und Bewunderung für Leute, die ihr kleines Projekt wie eine Babypflanze hegen und pflegen. Diese Blogs fallen dabei mal mehr, mal weniger persönlich aus. Manchmal habe ich mit einer Mischung aus Faszination und Fremdscham beobachtet, wie der ein oder andere Schreibbegeisterte sich allzu nackig gemacht und die ein oder andere persönliche Information zu viel veröffentlicht hat. Bei anderen Blogs tritt der Autor in den Hintergrund und lässt die Geschichte sprechen. Beide Konzepte können unglaublich spannend sein und davon zeugen, dass die Gedanken, das Herz, das Leben, die Welt des Verfassers offenbar wirklich vom ersten bis zum sechzehnten Stock reicht. Manchmal auch nicht – aber das ist wohl das wesensbestimmende Merkmal eines Blogs und der große Unterschied zu einem kommerziellen Magazin (auch wenn die Grenzen nicht selten verschwimmen): Der Blogger schreibt mit dem Selbstverständnis, dass das Produkt in erster Linie ihm gefallen muss und in zweiter Linie seinen Lesern. Es ist für die Autoren und die Leser gleichermaßen spannend und großartig, dass das Internet diese Möglichkeiten gibt. Vorhang auf für meine Bloglieblinge!

Sascha Bors von Gestern Nacht im Taxi

Vorschaubild Gestern Nacht im Taxi

Quelle: gestern Nacht im Taxi

„Brimsa Nfeld Cherstraß?“ – Nachts um halb drei kann es schonmal vorkommen, dass man von seinen Kunden eher interpretierungsbedürftige Ortsangaben erhält. Für Sascha ist dies ein ganz normaler Teil seines Jobs – immerhin kennt kaum einer die Straßen Berlins so gut wie er. Seit fast zehn Jahren ist er zwischen 20 Uhr und 05 Uhr am Morgen als Taxifahrer unterwegs, um müde, ausgelassene, freundliche, verwirrte und manchmal leider auch zahlungsunfähige Fahrgäste sicher nach Hause oder zur nächsten Party zu bringen. Fast täglich erlebt er spannende und nicht selten verrückte Geschichten, die er in seinem Blog mit seiner Leserschaft teilt. Da er selbst vor einigen Jahren aus Süddeutschland zugezogen ist, hat er einen herrlich unverstellten Blick auf die Marotten der Stadt. Das Material scheint dabei nie auszugehen – kein Wunder, in einer Stadt, von der sogar Lonely Planet sagt: „Forget about New York – Berlin ist the city that truly never sleeps.“ Wohin die Tour um halb drei letztendlich ging, weiß Sascha selbst nicht mehr. Vielleicht nach Ahrensfelde, Wichertstraße? Irgendwie ist fast jeder Fahrgast bislang ans Ziel gelangt – und wer weiß, vielleicht fährt Sascha uns das nächste Mal durch die Nacht.

Joab Nist von Notesofberlin

Vorschaubild Notes of Berlin

Quelle: Notesofberlin

Der Name Joab Nist wird kaum einem bekannt sein, doch über seinen Blog notesofberlin.de und seine Social-Media-Kanäle erreicht er jeden Tag zehntausende begeisterte Menschen. Seit 2010 werden hier all jene Zettel und Notizen verewigt, die in Berlin an Laternenmasten, Haustüren, Windschutzscheiben von falsch parkenden Autos oder Mülltonnen angebracht werden. In der Hauptstadt wird kein Blatt vor den Mund genommen, dafür umso mehr aufgehängt, um mit mal mehr, mal weniger freundlichen Worten Falschparker zurechtzuweisen, Nachbarn um Verständnis für die geplante WG-Party zu bitten oder eine Wohnung im Großstadtdschungel zu finden. Wahrscheinlich ist es die typische „Berliner Schnauze“, dank der sich das Archiv von Notesofberlin stetig füllt. Musste Joab anfangs noch selber auf die Jagd nach neuen Zettel und Notizen gehen, bekommt er mittlerweile täglich duzende Zuschriften mit neuen Fundstücken.  Doch heute ist Notesofberlin längst nicht mehr auf den Blog beschränkt: Die besten Fundstücke haben ihren Weg in mehrere Bücher und Kalender gefunden, zudem gibt Joab regelmäßige Liveshows und stellt besonders verrückte Exponate sogar außerhalb seiner eigenen vier Blogwände aus. Gemeinsam lacht es sich über die Skurrilitäten im Alltag eben nochmal so gut.

Ronny Kraak von Das Kraftfuttermischwerk

Vorschaubild Kraftfuttermischwerk

Quelle: kraftfuttermischwerk.de

Das Kraftfuttermischwerk ist die tägliche Sammelstelle für alle Unsinnigkeiten und seltsamen Dinge, die an die Onlinebrandung des Internets angespült werden. Alle jene, die Schlecky Silberstein schon durchgelesen haben oder bei Portalen wie 9Gag in der Masse an Memes und Merkwürdigkeiten zu ertrinken drohen, finden hier ein kuratiertes Buffet an lustigen Köstlichkeiten. Zur Vorspeise gibt es süße Tiervideos, zum Hauptgang freuen wir uns auf ein allzu verrücktes Musikvideo aus Fernost und als Nachtisch gibt es auch mal (mal mehr, mal weniger) ernst gemeinte Kunst. Den täglichen Kurzbesuch bei Youtube oder Twitter kann man sich eigentlich sparen, denn alles, was man gesehen haben muss, wird einem hier früher oder später aufgetischt. Doch man tut gut daran, das Kraftfuttermischwerk nicht bloß auf eine rein irrsinnsfokussierte Sammlung von Sonderlichkeiten aus der World Wide Wunderwelt zu beschränken. Zuweilen kann Ronny Kraak, der kreative Kopf hinter dem Blog, auch politisch oder teilt seine Leidenschaft für elektronische Musik, die er zum Teil sogar selbst produziert. Dieser persönliche Moment macht seine Sammlung umso interessanter – erwartungsvoll freut man sich auf den nächsten Gang mit einem neuen High- oder Lowlight aus diesem Internet, von dem jetzt alle reden.

Was haben meine drei Bloglieblinge gemeinsam?

Jeder dieser drei Blogs ist ein ganz besonderes Kuriositätenkabinett. Jeder Blogger fischt seine Fundstücke dabei aus einem anderen Teich: Alltagsbeobachten auf den nächtlichen Straßen von Berlin, zettelbestückte Hauseingänge und Laternenmasten oder die (Un-)Tiefen des Internets. Ausgestellt wird somit nicht das scheinbar perfekte Leben einer x-beliebigen Persönlichkeit, im Gegenteil: Meistens halten sich die Autoren dezent zurück und luschern nur ganz selten aus dem Dickicht des Content-Dschungels hervor. Auch wenn Einblicke in das Leben der schreibenden Persönlichkeit mitunter sehr spannend, geradezu fesselnd sein können, lässt mich diese Art von Blog am längsten am Ball bleiben, denn auf diese Weise kommen ich in den Genuss von unzähligen verschiedenen Kurzgeschichten. Gerne lasse ich mich von diesen drei Bloggern an die Hand nehmen und in ein jeweils ganz unterschiedliches Reich des Merkwürdigen, aber manchmal auch Denkwürdigen entführen.

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Liam Kreutschmann