Ich würde sagen, über Kutschfahrten habe ich in meinem Leben verhältnismäßig wenig nachgedacht. Bis ich das große Glück hatte, in den letzten Monaten eine spannende Weiterbildung zum Business Coach und Managementtrainer zu machen.
Was hat das jetzt aber mit Pferden zu tun? Nun ja, vielleicht liegt es an meinem Storytelling-Background, vielleicht liebe ich einfach nur gute Metaphern, aber in meinen Coachings habe ich schon während der Ausbildung stets den Einstieg über das Bild einer Kutschfahrt genutzt. Nicht nur, weil das Wort Coach ursprünglich tatsächlich von „Kutsche“ kommt, sondern weil es für mich erstaunlich gut beschreibt, worum es bei diesem Prozess eigentlich geht.
Als Coach sitze ich vorn auf dem Kutschbock. Ich halte den Rahmen, begleite und achte darauf, dass wir auf sicheren Wegen bleiben. Mein Fahrgast, also mein Coachee, hat jedoch alles in der Hand. Er oder sie entscheidet, wohin die Reise geht, wo wir abbiegen oder verweilen wollen und auch, wo eine Grenze erreicht ist und wir stoppen sollten.
Auch vor meiner Weiterbildung habe ich bei Mashup schon viel Zeit damit verbracht, die “Mashies” in ihrer Entwicklung zu begleiten. Ich habe Konflikte moderiert, offene Gespräche geführt, Retrospektiven etabliert und unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht. Rückblickend ist mir allerdings etwas Spannendes aufgefallen: Ich bin dabei gern mal vom Kutschbock abgestiegen. Nicht bewusst, sondern – typisch empathische, erste Tochter – eher aus dem ehrlichen Wunsch heraus, helfen zu wollen. Wenn Spannungen entstanden, wollte ich sie lockern. Wenn Unsicherheit aufkam, wollte ich Orientierung geben. Wenn Herausforderungen auftauchten, suchte ich nach einer Lösung. Und schwupps saß ich nicht mehr vorne an den Zügeln, sondern hab es mir neben meinem Fahrgast gemütlich gemacht, von meinen Erfahrungen erzählt oder Lösungsvorschläge hineingegeben. Das möchte ich in Zukunft ändern.
Generell stecken wir in Unternehmen viel Energie in die Wissensvermittlung. Wir teilen Best Practices, geben Empfehlungen, entwickeln Prozesse und stellen Werkzeuge bereit. All das ist wichtig und oft auch genau das, was gebraucht wird. Aber nachhaltige Veränderung passiert erstaunlich selten, wenn jemand von außen Wissen teilt oder Antworten liefert.
Den meisten von uns ist zum Beispiel komplett klar, dass Sport wichtig ist, Konflikte frühzeitig angesprochen werden sollten oder regelmäßige Pausen guttun. Und trotzdem handeln wir nicht immer danach. Weil Information allein eben selten Verhalten verändert. Genau hier setzt Coaching an. Nicht als Quelle für die Lösung von außen, sondern als Raum, in dem Menschen ihre eigenen Muster besser verstehen.
Mein absolutes Lieblingswort in diesem Zusammenhang ist Neuroplastizität, also die Fähigkeit unseres Gehirns, sich zu verändern. Während wir dazu neigen, gerade in stressigen Situationen auf bekannte Muster zurückzugreifen, behalten wir es ein Leben lang in der Hand, unserem Gehirn neue Erfahrungen, Perspektiven und Verhaltensweisen beizubringen. Veränderung entsteht, wenn wir selbst erkennen, warum wir handeln, wie wir handeln, und welche Alternativen uns zur Verfügung stehen.
„Für Teams bedeutet das: Entwicklung braucht Wiederholung, Reflexion und die Möglichkeit, neue Wege im Alltag tatsächlich auszuprobieren.“
Julia Beyer, Head of Onboarding and Culture sowie Business Coach und Managementtrainer bei Mashup Communications
Ein einzelner Workshop kann ein wichtiger Impuls sein. Aber wenn danach alles weiterläuft wie vorher, bleibt er oft genau das: ein Impuls.
Viele Herausforderungen, die wir in der Arbeitswelt erleben, wirken auf den ersten Blick organisatorisch. Es geht um Prozesse, Zuständigkeiten, Prioritäten oder Kommunikation. Und natürlich spielen all diese Dinge eine Rolle. Aber häufig liegt darunter noch eine zweite Ebene: Wie gehen Menschen mit Unsicherheit um? Wie sprechen sie Konflikte an? Wie sicher fühlen sie sich, ihre Meinung zu sagen? Wie viel Verantwortung übernehmen sie und wo ziehen sie sich zurück?
Ich glaube, wir brauchen deshalb nicht nur funktionierende Prozesse, sondern auch kontinuierliche Entwicklungsräume, zum Beispiel durch Coaching-Methoden, in denen es nicht sofort um die perfekte Lösung geht, sondern zunächst um Wahrnehmung: Was passiert hier eigentlich gerade? Welche Muster wiederholen sich? Was brauchen wir, um anders miteinander arbeiten zu können? Und welchen nächsten kleinen Schritt können wir selbst gehen?
Für mich persönlich war eines der wichtigsten Learnings meiner Coaching-Weiterbildung, stärker darauf zu vertrauen, dass Menschen oft schon viel mehr Antworten in sich tragen, als wir vielleicht denken. Oder anders gesagt:
„Ich versuche heute bewusster auf dem Kutschbock sitzen zu bleiben. Nicht, weil ich weniger helfen möchte, sondern weil ich verstanden habe, dass nachhaltige Entwicklung häufig dort beginnt, wo Menschen ihre eigenen Erkenntnisse machen und ihren eigenen Weg entdecken.“
Julia Beyer, Head of Onboarding and Culture sowie Business Coach und Managementtrainer bei Mashup Communications
Das heißt nicht, dass ich mich raushalte. Im Gegenteil. Auf dem Kutschbock zu sitzen bedeutet Verantwortung: für den Rahmen, für Sicherheit, für gute Fragen, für Struktur und dafür, dass wir nicht an Stellen weiterfahren, an denen eigentlich ein Stopp nötig wäre. Aber anstatt immer direkt in den Fixer-Modus zu springen und Lösungen zu suchen, werde ich in Zukunft versuchen, mehr Räume zu schaffen, in denen die Mashies selber wachsen können und vor allem ganz viele Fragen stellen.
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