Die Gruppenphase war kaum verdaut, Spanien spielte sich schon wieder zum Titel und irgendwo zwischen Trinkpausen-Debatten und kollektivem Schlafmangel nach dem deutschen Ausscheiden rauschte der Juli vorbei. Und doch fanden vier Kampagnen genau in diesem Trubel ihren Moment. Ein Streamer sichert sich ausgerechnet eine der umstrittenen Trinkpausen und nutzt sie als Bühne für Kritik. Auch abseits des Rasens war einiges los: Eine Kaffeemarke inszeniert Martin Scorsese unter der Regie seiner Tochter. Eine Versicherung schickt einem das eigene ältere Ich vorbei und Rare Beauty entscheidet sich nach fünf Jahren erstmals für eine offizielle Markenbotschafterin.
Martin Scorsese vor der Kamera ist ungewohnt. Martin Scorsese, der von seiner Tochter Regieanweisungen bekommt, noch ungewohnter. Genau das passiert in „Family Blend“, der neuen Mini-Serie von Lavazza. Seit Mitte Juli ist der Trailer online, kurz darauf folgte die erste Episode. Was man sieht, ist bewusst ungeschliffen: Vater und Tochter im Gespräch, sie reden durcheinander, korrigieren sich, lachen. Erst mit Kaffee kehrt so etwas wie Ruhe ein. Die Serie ist auf fünf Episoden angelegt, die über fünf Monate hinweg erscheinen und sich jeweils einem Ort in New York widmen. Schauplätze wie Elizabeth Street in Little Italy oder der Delikatessenladen Di Palo’s sind dabei biografisch aufgeladene Orte aus Scorseses Vergangenheit. Der Titel „Family Blend“ funktioniert auf zwei Ebenen: als Verweis auf Lavazzas Kaffeekunst und als Metapher für die Begegnung zweier Generationen.
Warum funktioniert das Storytelling?
Die beiden funktionieren bereits auf TikTok als Duo und bringen ihre eigene, gewachsene Dynamik mit. „Family Blend“ übersetzt genau dieses Zusammenspiel in ein Kampagnenformat und führt es konsequent weiter.
Es ist kurz vor halb sieben morgens. Schweiz gegen Algerien, Sechzehntelfinale, zweite Halbzeit. Die übliche Hochglanzreklame läuft im ZDF durch. Dann kommt ein Clip, der aus dem Rahmen fällt. Hochkantformat, überstrahltes Heckfenster, ein Mann mit Gelfrisur und Goldbrille auf der Rückbank eines Autos. „So, geehrtes ZDF-Publikum, ick hab nur 15 Sekunden, diese Schpots sind arschteuer.“ Maximilian Knabe, besser bekannt als HandOfBlood, einer der reichweitenstärksten deutschen Streamer, inszeniert sich hier als „Präsident Knabe“. Seine Kunstfigur, die bereits als fiktiver Vereinspräsident von Eintracht Spandau etabliert ist, funktioniert als pointierte Parodie. Der Spot greift ein Thema auf, das viele Fans ohnehin kritisch sehen: die verpflichtend eingeführten Trinkpausen der WM. Genau den unterschwelligen Verdacht, dass es dabei weniger um die Spieler als um zusätzliche Vermarktungsflächen geht, spricht die Figur offen aus. Am Ende hält Knabe sein eigenes Getränk noch schnell demonstrativ in die Kamera.
Warum funktioniert das Storytelling?
Zehn Minuten Dreh, mehrere Wochen Konzept, ein niedriger bis mittlerer fünfstelliger Betrag für den Slot. Dass das ZDF die Werbeblöcke inzwischen aus der Mediathek entfernt hat, fügt der Geschichte eine weitere Ebene hinzu.
Es gibt diese leisen, fast unscheinbaren Momente, in denen man merkt, dass sich etwas verschiebt. Der Geburtstag, an dem ein neuer Staubsauger nicht nur akzeptabel, sondern tatsächlich ein Grund zur Freude ist. Der Morgen, an dem „Ich bin ein Morgenmensch“ keine gewagte Behauptung mehr ist, sondern eine nüchterne Feststellung, begleitet von einem fast schon liebevollen Blick auf die eigene Kaffeemaschine. Der Artikel über Rückenschmerzen, den man nicht nur überfliegt, sondern speichert, vielleicht sogar weiterleitet. In „Momente der Wahrheit“ von Debeka wird genau dieses Gefühl zugespitzt. Eine junge Frau trifft auf ihr älteres Ich. Keine weise Ratgeberin, sondern eine überzeichnete, spießige Version ihrer selbst. Alles, was man eigentlich nie werden wollte. Weil Horror als Filmgenre gerade boomt, kommt die Konfrontation in der passenden skurrilen Verpackung.
Warum funktioniert das Storytelling?
Am Ende liegt die Stärke der Kampagne in ihrer Ehrlichkeit. Debeka spricht nicht über Zukunft als fernes Versprechen, sondern als etwas, das längst begonnen hat. Genau darin liegt die Wirkung. Man erkennt sich wieder, lacht vielleicht kurz und merkt im gleichen Moment, dass es einen selbst betrifft.
Vier Männer. Vier Versuche. Einer singt, einer repariert, einer versucht es mit Charme und Sport. Ella Bright bleibt davon unbeeindruckt. Nichts davon bringt sie auch nur ansatzweise zum Erröten. Bis sie den Soft Pinch Liquid Blush in die Hand nimmt. Das ist das Setup von „Made You Blush“, der neuen Kampagne der Kosmetikbrand Rare Beauty. Was zunächst wie ein spielerischer Clip beginnt, ist in Wahrheit ein strategischer Wendepunkt für die Marke von Selena Gomez. Denn zum ersten Mal überhaupt arbeitet Rare Beauty mit einer offiziellen Brand Ambassador zusammen. Die Wahl fällt auf Ella Bright, derzeit eines der sichtbarsten Gesichter der Gen Z. Mit ihrer Rolle in der Prime-Serie „Off Campus“ hat sie sich in kürzester Zeit in den popkulturellen Mittelpunkt katapultiert. Bereits in den ersten Tagen nach Veröffentlichung hat das Instagram-Video über eine Million Likes gesammelt.
Warum funktioniert das Storytelling?
Die Kampagne lebt von ihrem minimalistischen Storytelling: Statt Überinszenierung setzt Rare Beauty auf eine klare Dramaturgie. Bright, die sich von nichts und niemandem beeindrucken lässt, wird erst durch das Produkt selbst erreicht.
Auffällig ist, dass keine der vier Kampagnen auf den klassischen „Wow“-Moment allein setzt. Stattdessen entstehen die stärksten Effekte in den Details: in kleinen Twists, in bewusst gebrochenen Erwartungen oder in der Art, wie sie alltägliche Situationen neu aufladen. Mal ist es Humor, der nicht sofort zündet, sondern sich erst im zweiten Blick entfaltet, mal ein erzählerischer Ansatz, der ein Produkt fast beiläufig ins Zentrum rückt.
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