Im April waren vor allem die Kampagnen stark, die nicht beim Offensichtlichen stehen blieben. Statt Produkte einfach zu präsentieren oder Botschaften direkt auszusprechen, setzten sie auf Perspektivwechsel, visuelle Eigenlogik und Geschichten, die erst im Kopf des Publikums ihre volle Wirkung entfalten. Ob Medienkritik, Designfantasie, Plattformhaltung oder Jobmarkt-Kommunikation – diese Arbeiten zeigen, wie wirksam Storytelling wird, wenn Form und Aussage präzise zusammenspielen.
In Großbritannien wird alle 90 Sekunden eine Person als vermisst gemeldet. Gleichzeitig ist True Crime eines der meist konsumierten Genres überhaupt. Podcasts, Serien und Dokus verwandeln reale Verbrechen in Dramaturgie, Spannung und Reichweite. Das Geschäft mit echten Schicksalen läuft gut. Die britische Organisation Missing People antwortet darauf mit einer Kampagne, die unbequemer ist als jede True-Crime-Doku: Zu sehen ist ein Writers‘ Room. Produzentinnen und Produzenten pitchen Fälle wie Filmideen, sortieren aus, was funktioniert und was nicht.
Sätze wie „Niemand interessiert sich für ein verschwundenes Gang-Mitglied“ oder „Junge Mädchen funktionieren im TV besser“ legen die Logik hinter dem Genre schonungslos offen. Schwer auszuhalten ist das vor allem deshalb, weil hier keine Fiktion verhandelt wird, sondern das reale Verschwinden realer Menschen. Und weil die Angehörigen keine Figuren in einem Pitch sind, sondern Familien, denen bis heute jede Antwort fehlt.
Warum funktioniert das Storytelling?
Hier gelingt ein seltener Balanceakt: Die Kampagne beschämt ihr Publikum, ohne es frontal anzuklagen. Denn wer True Crime konsumiert, sitzt in gewisser Weise auch mit am Tisch. „Based on a true story“ liefert zugleich einen Impuls dafür, wie Medienschaffende reale Schicksale erzählen können: respektvoller, verantwortungsvoller und mit Blick auf die Menschen hinter jedem Fall.
Wer einen neuen Sneaker launcht, dreht einen Werbespot. Wer Spike Jonze engagiert, bekommt etwas anderes. „Shape of Dreams“ ist der Kampagnenfilm zur ersten gemeinsamen Kollektion von ON und Zendaya, entwickelt zusammen mit ihrem langjährigen Stylisten Law Roach. Zu sehen ist kein klassischer Produktspot, sondern drei Minuten surrealer Designprozess: Zendaya in einem weißen, fast leeren „Dream Lab“, in dem Kleidungsstücke wachsen, schrumpfen und sich verwandeln, bis sie ihre endgültige Form finden. Übergroße Hände reichen ihr einen riesigen Pinsel. Alles praktisch, alles physisch. Genau darin zeigt sich Spike Jonzes Handschrift. Der Mann, der mit „Her“ unsere KI-Zukunft vorweggenommen hat, dreht seit Jahren keine Spielfilme mehr und macht dafür Werbespots, die sich wie Kurzfilme anfühlen.
Warum funktioniert das Storytelling?
„Shape of Dreams“ funktioniert, weil der Film nicht einfach eine Kollektion inszeniert, sondern eine kreative Welt eröffnet. Genau dadurch wirkt der Launch weniger wie Werbung als wie ein kleines Stück Popkultur. Im Zentrum steht nicht das Endprodukt, sondern der Schwebezustand, in dem aus einer Idee langsam ein fertiges Produkt wird.
Die meisten Social-Media-Plattformen wollen eines: Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange im Feed zu halten. Mehr Scrollen, mehr Interaktion, mehr Werbeeinnahmen. Pinterest setzt mit seiner aktuellen Kampagne bewusst einen Gegenakzent. „How Did They Do It?“ ist ein 60-sekündiger Film, der keine Produktionskulissen und kein großes Budget zur Schau stellt. Stattdessen: alte Heimvideos und Familienfotos. Kinder bei Gartenpartys, Familien auf Roadtrips, Teenager beim Tanzen – alle aus einer Zeit, in der niemand sein Handy zückte, um den Moment festzuhalten.
Eine junge Erzählstimme stellt dabei eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Frage: Wie hat das damals eigentlich funktioniert? Pinterest hatte diese inhaltliche Richtung schon vor der Kampagne eingeschlagen. CEO Bill Ready sprach sich öffentlich für ein Social-Media-Verbot für Unter-16-Jährige aus und beim diesjährigen Coachella-Festival setzte die Plattform zudem auf eine handyfreie Brand-Aktivierung.
Warum funktioniert das Storytelling?
Die Stärke der Kampagne liegt darin, dass sie Erinnerung nicht nur als Gefühl nutzt, sondern als Kontrastfolie zur Gegenwart. Pinterest erzählt damit nicht einfach von früher, sondern von dem, was im digitalen Alltag verloren gegangen ist. Gerade weil diese Haltung nicht erst mit dem Spot beginnt, wirkt der Film glaubwürdig und relevant.
Ingrid ist wieder da. Drei Jahre nach ihrem Abschied kehrt die Figur, gespielt von Tina Pfurr, in die Markenwelt von Indeed Deutschland zurück und das zu einem Zeitpunkt, an dem berufliche Veränderung für viele mehr nach Risiko als Aufbruch klingt. Der Arbeitsmarkt ist unsicherer geworden, die Wechselbereitschaft vieler Beschäftigter gebremst. Die neue Kampagne „Mach’s dir Indeed einfach“ schickt Ingrid dafür in bewusst überzeichnete Blockbuster-Welten: in eine belagerte Burg namens „Ein besserer Job“ oder auf ein Raumschiff, dessen Teleportation an fehlenden IT-Fachkräften scheitert. Die Szenarien sind absurd, sichtbar künstlich und genau deshalb anschlussfähig.
Warum funktioniert das Storytelling?
Die Rückkehr von Ingrid wirkt nicht wie ein nostalgischer Rückgriff, sondern wie eine kluge Reaktion auf einen Arbeitsmarkt, der für viele wieder unsicherer und schwerer navigierbar geworden ist. Indeed erzählt Jobsuche hier nicht als lineares Karrieremärchen, sondern als Hindernislauf voller Hürden, Umwege und Überforderung. Genau dieses Gefühl übersetzt die Kampagne in überzeichnete, aber sofort lesbare Bilder. Dass dafür eine bekannte Figur zurückkehrt, verstärkt die Wirkung zusätzlich: Ingrid bringt Orientierung in ein Thema, das gerade viele Menschen mit Frust verbinden.
Wenn Werbung heute noch wirklich catchen soll, dann so: mit einer klaren Perspektive, einem guten Twist und Bildern, die mehr sagen als drei Absätze Copy. Genau das haben diese Kampagnen geschafft.
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