Local is Lekker: Lokale Nachrichten als Zeitzeugen und Biografien-Kollektion

Nachdem Nora bereits passend zur EU-Wahl ihre Bachelorarbeit aus der Schublade geholt hat, möchte ich nun schauen, was meine 2007 verfasste Magisterarbeit heute noch hergibt. Wie praktisch, dass ich neulich erst in New York war, passend zum Thema meiner damaligen Arbeit: „Local News in The New York Times, Before and After September 11th, 2001“. Dafür habe ich 1.419 Artikel aus 56 Ausgaben aus den Jahren 1997 bis 2000 und 2002 bis 2006 hinsichtlich der thematischen und stilistischen Zusammensetzung analysiert. Auch wenn es eine Weile gedauert hat, konnte ich damit gleich mal mein Faible für Zahlen und Daten mit meinem geisteswissenschaftlichen Studium verbinden. Um das Ganze aber noch etwas unterhaltsamer zu gestalten, habe ich in New York Redakteure, Professoren und Mitarbeiter von Verlagen interviewt und die Datenschlacht mit authentischen Insights und Kommentaren abgerundet.

Die Ergebnisse waren größtenteils zeitliche Tendenzen, nicht unbedingt kausale Zusammenhänge zu 9/11. Einen Trend konnte ich jedoch feststellen, der sich meiner Meinung nach sowohl in New York als auch in anderen Städten seitdem noch mehr verstärkt hat. Ich komme gleich im Detail dazu, aber erst einmal ein paar warme Worte für das Thema „Lokale Nachrichten“ im Allgemeinen.

Lokal – International – Hyperlokal

Obwohl die Geschichte der Tageszeitung ihren Ursprung im Lokalen hat, ist lokaler Journalismus qualitativ für viele Redakteure eher ein Sprungbrett für den „großen“ Journalismus. Dabei erleben lokale Nachrichten heutzutage eine kleine Renaissance. Durch den Zusammenschluss und generell die Einsparung von Redaktionen werden nationale und internationale News immer häufiger über Presseagenturen, wie dpa, Reuters & Co., bestückt. Im lokalen Bereich kaum möglich. Das heißt, der relevanteste Aspekt der Nachrichten, was genau vor meiner Haustür passiert, wird noch für eine ganze Weile von individuellen Geschichten geprägt sein. Die Schwierigkeit liegt eher im zunehmenden Wachstum und der Vielfalt in Städten, die es schwierig machen, alles unter einem lokalen Ressort zusammenzufassen. Nicht verwunderlich, dass daher immer mehr hyperlokale Medien und Blogs, wie zum Beispiel die Prenzlauer Berg Nachrichten, diese Rolle ausfüllen.

Der Mensch im Mittelpunkt

Jetzt zu meinem versprochenen Ergebnis: Obwohl es in der Arbeit hauptsächlich um die Themenanalyse ging, hat sich am Ende ein ganz anderer Aspekt emanzipiert. So orientieren sich kontinuierlich und unabhängig von 9/11 die lokalen Nachrichten immer mehr an persönlichen Geschichten. Die Nachrichten werden menschlicher. Ein Portrait über einen New Yorker kann dabei nur eine persönliche Anekdote sein, aber auch als Symbol für ein übergeordnetes Thema, zum Beispiel aus den Bereichen Unternehmertum, Künste, Gesundheitssystem oder Politik, herangezogen werden. Um das zu illustrieren, hier noch eine akademisch akzeptable aber nicht wirklich hübsche Grafik aus meiner Magisterarbeit, wo zu erkennen ist, dass zunehmend bei fast jeder Story konkrete Namen und Gesichter zumindest in den Vordergrund gerückt, wenn nicht sogar als Aufhänger oder Headline genutzt werden:

Digitale Archivierung von Nachrichten

Auf meiner New York Reise Mitte Mai wurde uns von der New York Times die TimesMachine vorgestellt („129 years of New York Times journalism, as it originally appeared“). Wer Abonnent ist, sollte das auf jeden Fall einmal ausprobieren. Ich persönlich hätte die TimesMachine gut gebrauchen können, anstatt mir alle 56 Ausgaben auf solchen Microfilmen an der JFK Bibliothek in Berlin-Zehlendorf anzuschauen.

Auf der einen Seite geht es im Internet um eine immer schnellere Veröffentlichung von News. Zum Glück besinnen sich auf der anderen Seite aber immer mehr Redaktionen auch darauf, ihre Nachrichtenarchive, so wie die New York Times, online zu konservieren und somit einen bedeutenden Zeitzeugen-Aspekt der Geschichte verfügbar zu machen.

Abschließend noch ein passendes Zitat von einem Journalisten der New York Times für meine Arbeit: „We cover New York City, because it’s our home town. And that’s another reason there is always a story on the front page about New York. Local news, there is no question, is extremely relevant to people and speaks to their daily lives“

Foto: Scott Beale CC BY-NC-ND 2.0

Miriam Schwellnus

Miriam Schwellnus ist Expertin für Public Relations, Brand Storytelling und Employer Branding. Als Geschäftsführerin der Berliner PR-Agentur Mashup Communications (gegründet 2009) manövriert sie bekannte wie auch neue Gewässer in der Medienwelt mit Begeisterung.

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