Den Fluch des Wissens
Wie ein gutes Buch oder ein spannender Film, soll auch eine Rede begeistern, mitreißen und vor allem im Gedächtnis bleiben. Unterstützung bekommen Redner auf dieser Mission von der klassischen Storytelling-Theorie. In unserer neuen Reihe Storytelling für Reden, zeigen wir, wie aus jedem Vortragenden ein echter Meister-Erzähler wird. In Part II präsentieren wir die Erfolgsformel für gute Geschichten auf der Bühne.
Ist die eigene Mentorenrolle gefunden und das Thema steht fest, gilt es für Redner natürlich auch die Inhalte so aufzubereiten, dass das Publikum den Vortrag nicht nur aushält, sondern mit Spannung verfolgt. Etwas Feenstaub für die Präsentation ist dabei Pflicht, aber auch die Erzählweise muss stimmen. Dabei steht Referenten ein mächtiger Gegner gegenüber: Der Fluch des Wissens schwebt stets über unseren Köpfen und macht es Zuhörern manchmal unmöglich, dem Gesagten zu folgen.
Seinen Ursprung hat der fiese Schurke ironischerweise im Expertentum des Referenten selbst. Denn: Je mehr Wissen jemand auf einem Gebiet besitzt, desto größer ist die Differenz zum Wissensstand seines Publikums und desto schwerer wird es für eben dieses den Inhalten zu folgen. Um die Zuhörer abzuholen, gilt es also zunächst, seine eigenen Scheuklappen abzusetzen und sich von seinem Hintergrundwissen zu lösen.
Der Fluch des Wissens (englisch: Curse of Knowledge) beschreibt eine kognitive Verzerrung: Wer über ein bestimmtes Wissen verfügt, kann sich nur schwer vorstellen, wie es ist, dieses Wissen nicht zu besitzen. Gerade bei Reden, Vorträgen und Präsentationen wird das zum Problem. Expert:innen setzen häufig Fachbegriffe, Zusammenhänge oder Hintergrundwissen voraus, die ihrem Publikum fehlen. Die Folge: Die Botschaft kommt nicht an, obwohl die vortragende Person ihr Thema bestens beherrscht. Storytelling kann helfen, diese Wissenslücke zu überbrücken, indem es komplexe Inhalte durch Vergleiche, konkrete Beispiele und persönliche Geschichten verständlich macht.
Dabei sind die Meister-Erzähler natürlich nicht allein. Das rettende Elixier zur Überwindung des jahrtausendalten Fluchs liefert im wahrsten Sinne des Wortes ein Erfolgsrezept! Die sechs Buchstaben der so genannten SUCCESs-Formel schaffen die perfekte Eselsbrücke, um selbst komplexe Reden mit wenigen Kniffen greifbar und verständlich zu machen.
Was ist die SUCCESs-Formel?
Warum bleiben manche Botschaften im Gedächtnis, während andere sofort wieder vergessen werden? Dieser Frage widmen sich Chip und Dan Heath in ihrem Buch Made to Stick. Darin beschreiben sie sechs Prinzipien, mit denen sich Ideen verständlicher, einprägsamer und überzeugender vermitteln lassen. Die sogenannte SUCCESs-Formel steht für Simple, Unexpected, Concrete, Credible, Emotional und Stories. Sie eignet sich besonders für Reden und Präsentationen, weil sie dabei hilft, komplexe Inhalte auf den Punkt zu bringen, Aufmerksamkeit zu gewinnen und Botschaften mit konkreten Beispielen und Geschichten zu verankern.
Einfach soll natürlich nicht heißen, dass man sich plötzlich auf das Niveau eines Kleinkinds begibt. Vielmehr gilt es, stets den Kern einer Idee zu formulieren. Sprachliche Mittel, um zu erreichen, dass die Botschaft auch wirklich hängen bleibt, sind unter anderem Metaphern und Analogien. Indem wir auf die Dinge verweisen, die wir bereits kennen, können wir neue Konzepte und Ideen schneller und besser einordnen.
Ein schönes Beispiel für den Fluch des Wissens liefert die Wikipedia-Beschreibung für Pomelo: „Pomelo ist der Handelsname für verschiedene Kulturpflanzen-Sorten der Zitrusfrüchte, deren Pampelmusen-Erbanteil größer ist als jener der Grapefruit. Die Pomelo gleicht in ihren allgemeinen Eigenschaften der Pampelmuse. Die Früchte sind rund bis birnenförmig, wiegen 500 bis 2000g bei einem Durchmesser von 15 bis 25cm. Unter der weißgelben bis grünlichen Oberfläche der Pomelo folgt eine relativ dicke weiße, schwammige Schicht. Das Fruchtfleisch ist hellgelb bis rosafarben, von fester Konsistenz und hat einen schwachen säuerlich-süßlichen, manchmal auch leicht bitteren erfrischenden Geschmack.“
Ein ganz schöner Brocken und irgendwie sind wir nach dem Lesen auch eher verwirrt als informiert. Wie wäre es stattdessen mit dieser Beschreibung? „Bei der Pomelo handelt es sich um eine etwas größere Grapefruit mit dickerer Schale.“ Mit diesem simplen Vergleich kann man schnell aus Bekanntem ableiten und sich sogar noch den Geschmack vorstellen.
Hier geht es vor allem darum, die Aufmerksamkeit des Publikums durch Unerwartetes zu halten und zu belohnen. Warum nicht auch in der Mitte des Vortrags nochmal eine kleine Anekdote präsentieren oder das Ende mit einer völlig unerwarteten Wendung gestalten, die Zuhörer mit einem Staunen den Saal verlassen lässt?
Viele Information werden noch viel spannender, wenn sie nicht bloß in den Raum gestellt, sondern mit greifbaren Zusatzfakten untermauert werden. Ein schönes Beispiel bietet folgender Satz: „Eine mittelgroße Tüte Popcorn im Kino enthält 20g Fett.“ Schön und gut. Ob das aber viel ist oder wenig, ob Popcorn damit gesund ist oder nicht, das erschließt sich uns nicht sofort. Was ist aber, wenn wir noch etwas mehr Information bekommen: „Eine mittelgroße Tüte Popcorn im Kino enthält mehr Fett als ein Frühstück mit Speck und Eiern, ein Big Mac und Pommes Frites und ein Steak-Dinner – kombiniert.“ Na, schon Lust auf den nächsten Kinoabend?
Nachdem man die Aufmerksamkeit vom Publikum erhalten und die eigene Botschaft unvergesslich gemacht hat, geht es nun darum, beim Publikum glaubwürdig zu erscheinen. Hierbei helfen zum Beispiel Zahlen. Aber Achtung, auch diese sollten wieder greifbar und spannend aufbereitet werden. Denn: Glaubwürdigkeit entsteht nicht allein durch große Zahlen oder beeindruckende Statistiken. Entscheidend ist, dass das Publikum nachvollziehen kann, warum eine Aussage stimmt. Dabei helfen überprüfbare Fakten, seriöse Quellen, konkrete Beispiele und persönliche Erfahrungen. Besonders überzeugend wird eine Rede, wenn Zahlen nicht einfach in den Raum geworfen, sondern verständlich eingeordnet werden. Statt etwa nur eine prozentuale Verbesserung zu nennen, können Redner zeigen, welchen Unterschied diese Veränderung im Alltag tatsächlich macht. So wird aus einer abstrakten Behauptung eine nachvollziehbare Botschaft.
Emotionale Kommunikation heißt nicht, das Publikum zum Weinen zu bringen. Das Ziel ist vor allem, das Publikum dazu zu bringen, dass es sich überhaupt mit dem Gesagten beschäftigt. Um den Empathie-Hut aufsetzen zu können, muss jedoch zunächst der analytische Hut abgenommen werden. Die Geschichte eines konkreten, persönlichen Beispiels wirkt meist besser als gesichtslose Statistiken. Dabei geht es nicht darum, möglichst große Gefühle hervorzurufen. Viel wichtiger ist die Frage, warum das Thema für das Publikum persönlich relevant ist. Welche Hoffnungen, Herausforderungen oder Bedürfnisse werden angesprochen? Wer diese Verbindung herstellt, gibt seinen Zuhörer einen Grund, sich für die Botschaft zu interessieren.
Zu guter Letzt noch ein Tipp: Anstatt Geschichten zu produzieren, nutzen Redner am besten ganz persönliche Geschichten und Anekdoten, um ihren Vortrag zu beleben. Frei nach dem Motto: „Everyone has a story to tell!“ finden sich für jedes Thema die passende Geschichten, die das Thema besser verständlich und den Redner nahbarer machen. Es bedarf nur etwas Mut, danach zu suchen!
Stellt euch vor, eine Führungskraft möchte in einer Rede erklären, warum das Unternehmen künftig stärker auf bereichsübergreifende Zusammenarbeit setzt. Statt mit abstrakten Zielen wie „Effizienzsteigerung“ oder „Optimierung von Synergien“ einzusteigen, könnte sie eine konkrete Geschichte erzählen:
„Vor drei Monaten brauchten wir für eine Kundenanfrage ganze zwei Wochen. Nicht, weil uns die Lösung fehlte, sondern weil fünf Abteilungen nacheinander daran arbeiteten. Als sich dieselben Kolleg:innen für die nächste Anfrage gemeinsam an einen Tisch setzten, war das Problem innerhalb von zwei Tagen gelöst.“
Dieses fiktive Beispiel verbindet gleich mehrere SUCCESs-Prinzipien: Die Botschaft ist einfach (Simple), der Unterschied zwischen zwei Wochen und zwei Tagen überrascht (Unexpected), die Situation ist konkret (Concrete) und die Geschichte macht deutlich, warum Zusammenarbeit für die Beteiligten relevant ist (Stories). Mit überprüfbaren Zahlen und echten Erfahrungen ließe sich zusätzlich die Glaubwürdigkeit stärken (Credible).
So wird aus einer abstrakten Unternehmensbotschaft eine Geschichte, die das Publikum nachvollziehen kann.
Schräge Charaktere, düstere Wendungen und nostalgische Motive: Das zeigen vier Storytelling Kampagnen zu Halloween im…
Empörung ist längst mehr als ein Risiko für Marken: Sie kann zur Strategie werden. Ragebait…
Henkel hat nicht nur das Waschen, sondern auch das Storytelling revolutioniert. Zum 150-jährigen Jubiläum schauen…
Entdecke die Schlüsselaspekte einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit PR-Agenturen, dem Einsatz von Storytelling und der strategischen…
Social Media Storytelling im Fußball: Wie Profi- und Amateurvereine mit unterschiedlichen Mitteln Reichweite und Community…
In der Popkultur werden künstliche Intelligenzen stets als Bösewichte dargestellt. Indem KI-Firmen in ihrem Storytelling…