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Juni 19, 2013

Rennstall Mashup: Warum wir bewusst nur auf Charakterpferde setzen

Neulich lasen mein vierjähriger Sohn und ich eine Feuerwehrgeschichte, als er über seinen Kindergartenfreund sagte: „Jerome möchte gern Feuerwehrmann werden, wenn er groß ist.“ „Und was möchtest du werden? “, fragte ich. „Ich möchte das machen, was du machst, Mama. Leute in die Zeitung bringen.“ Innerlich ging mein Herz auf, so entzückt war ich, laut sagte ich: „Dann musst du später aber auch gut in der Schule aufpassen.“ Aber was von dem, fragte ich mich später, was er in der Schule lernt, braucht er wirklich für meinen Job bzw. sein späteres Leben?

Wenn ich mir unsere eigene Stellenausschreibung anschaue, dann suchen wir Leute, die wissensdurstig, selbstbewusst und kreativ sind, Persönlichkeit, Humor, Eigeninitiative und Enthusiasmus mitbringen. Aber wird das wirklich in der Schule vermittelt oder sogar im Gegenteil eher unterdrückt? Richard David Precht hat im April dieses Jahres das Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott“ geschrieben, das mich in meinen Überlegungen genau bestätigt. Precht wirft darin unserem Schulsystem vor, dass es unsere Kinder zu langweiligen Anpassern dressiert, statt ihnen dabei zu helfen, jene wichtigen Softskills wie Teamgeist, Originalität oder Kreativität zu fördern.

In den Schulen der westlichen Welt, so Precht, würden unsere Kinder zu Postpferden ausgebildet und ‚eingeritten’, die „flexibel, vielseitig einsetzbar und jedem Reiter treu zu Diensten“ sein müssten, „so dass man sie an jeder Relaisstation beliebig einsetzen kann.“ Was Kinder in der Schule nicht benötigten, wären Charakter oder gar Eigensinn. Doch die heutige Arbeitswelt brauche gar keine „Postpferde“ mehr, sondern vielmehr „Rennpferde“, die wohl einen eigenen Charakter haben dürfen. „Wäre es der Sinn unseres Schulsystems, Rennpferde zu züchten“, so Precht, „sähen die Noten ganz anders aus.“ Statt ‚Betragen’, ‚Fleiß’, ‚Mitarbeit’ oder ‚Ordnung’ zu benoten, müssten Eigenschaften wie Kreativität und Originalität, Sinn für Humor, Initiative und Gemeinschaftssinn, ausgewogenes Selbstbewusstsein oder auch Vorfreude auf die eigenen Ziele bewertet werden. Doch all diese wichtigen Kernkompetenzen werden in vorgebenden Stundenplänen, reglementierter Unterrichtstaktung und stumpfem „Bulimie-Lernen“ auf Tests und Klassenarbeiten unterdrückt.

Wenn ich unser Schulsystem auf unsere Agentur übertragen würde, hätten die Mashies eigentlich gar keine Zeit mehr, um einmal kreativ an eine Sache heranzugehen, sondern sie müssten immer dem gleichen Schema folgen. Sie müssten auf Knopfdruck ein Thema bearbeiten, obwohl ihnen vielleicht in dem Moment gar nicht danach ist, um nach exakt einer Dreiviertelstunde ein anderes völlig konträres Thema zu behandeln, obwohl sie sich in das erste Thema noch gar nicht richtig eingearbeitet haben. Sie würden nicht für ihren eigenen Erfolg arbeiten, an dem sie sich erfreuen und wachsen können, sondern nur für ihre Chefs, und wie diese über etwas urteilen. Vielleicht arbeiten viele andere Menschen so, aber für mich und Mashup wäre es keine Option.

Natürlich müssen auch in einer PR-Agentur, wie der unseren, Regeln herrschen, aber auch hier greift wieder die gute alte Zauberregel „Flache Hierarchien – Führen durch Zielvereinbarung.“ Letztendlich ist es mir egal, wie das Ergebnis zustande kommt, so wie es unseren Kunden letztendlich egal ist, wie eine Veröffentlichung zustande kommt, wichtig ist das Ergebnis. Alles dazwischen liegt im Ermessen der Berater. Eigeninitiative und Teamgeist fördern bekanntlich die Produktivität. Also einfach den Spielraum der Mitarbeiter vergrößern und machen lassen. Dann kommen von ganz allein großartige Vorschläge oder neue Herangehensweisen, welche sich positiv auf die gesamte Agentur auswirken. Und Teamgeist erreicht man nur mit einem tollen Team, welches gut gewählt sein muss. Bei Mashup arbeiten nur Rennpferde, um in der Metapher zu bleiben, jeder hier hat einen eigenen starken Charakter. Insgesamt ergibt das einen einzigartigen Rennstall, der viele Siege einfährt, aber auch gemeinsam Niederlagen verdauen kann. Und am Nachwuchs arbeiten wir auch immer fleißig. Wahrscheinlich wird es nicht mein Sohn, der noch durch viele Phasen der Selbstfindung gehen muss und viele Entscheidungen treffen wird. Aber das eine oder andere Charakterpferd werden wir sicherlich bei Mashup heranzüchten, mit ihm Siege feiern und Niederlagen teilen und wenn es so weit ist, auch mal ziehen lassen.

 

Zum Buch: „Anna, die Schule und der liebe Gott. Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern.“  von Richard David Precht. Erschienen im Goldmann Verlag 2013.

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    Backstage, Culture