Die Heldenreise von Karls: Vom Erdbeerhof zum Erlebnisdorf
Wer in der Region Berlin/Brandenburg, in Sachsen, Schleswig-Holstein, MeckPomm, Niedersachsen oder Sachsen-Anhalt lebt, der kommt an ihnen nicht vorbei: Die bezaubernden Erdbeerhäuschen, die von April bis in den Herbst hinein unschlagbar süße Früchte verkaufen. Wer dann auch noch Kinder hat, der kennt die Marke Karls vielleicht sogar in einem ganz anderen Kontext: An mittlerweile acht Standorten in vielen Teilen Deutschlands vertreibt die Firma nicht nur Erdbeerprodukte, sondern begrüßt Besucher:innen in ganzen Erlebnisdörfern.
Die 105-jährige Unternehmensgeschichte ist eine echte Familiensaga, mit zahlreichen Kapiteln voller Krisen, Neuanfängen und einer ordentlichen Portion Mut. Anstatt aber beim ersten Samen anzufangen, wollen wir einmal ein ganz besonderes Abenteuer näher beleuchten: Den Weg vom Erdbeerhof zum Erlebnisdorf.

Gewohnte Welt: 70 Jahre bewegte Geschichte als Nährboden
Um zu verstehen, wie der heutige Inhaber Robert Dahl aus einer Beere ein ganzes Erlebnisreich zaubert, müssen wir kurz zurückspulen. Alles beginnt 1921 mit Roberts Opa Karl und seinem kleinen Obst- und Gemüsehof in Mecklenburg. Nach dem zweiten Weltkrieg flieht die Familie nach Oberholstein*, wo sie einen neuen Betrieb gründet. Welch Glück, denn ganz in der Nähe befinden sich die Schwartau Werke, die dringend Erdbeeren für ihre Marmeladenfabrik brauchen. Opa Karl stellt deshalb alles auf die rote Beere um und gewinnt einen lukrativen Zulieferervertrag mit der Firma. Für viele Jahre läuft alles rund, Sohn Karl-Heinz übernimmt die Leitung und die Familie perfektioniert ihre leckeren Sorten.
Bis 1989 wortwörtlich die Wende kommt. Mit der Grenzöffnung schwemmen günstige Erdbeeren aus Polen auf den Markt. Der Großkunde Schwartau kündigt den Dahls. Von heute auf morgen steht die Existenz auf dem Spiel. Eine neue Idee muss her! Roberts Schwester Ulrike bringt die Rettung aus England mit: die Idee für einen Verkaufsstand in Form einer riesigen Erdbeere. Was heute Kult ist, ist damals der erste mutige Schritt in die Direktvermarktung.
Ruf zum Abenteuer: Der Brief, der eine Idee sät

Während die Familie im Westen mit den neuen Verkaufsständen experimentiert, sitzt Robert Dahl ganz woanders: in Polen. Er schließt gerade seine Obstbaulehre ab und büffelt die Sprache. Dort erreicht ihn Post. Kein kurzer Gruß, keine Postkarte, sondern ein 17-seitiger Brief seines Vaters Karl-Heinz. Darin enthalten: Ein Appell und ein Herzenswunsch. Robert soll sich doch selbstständig machen und zwar am liebsten dort, wo die Wurzeln der Familie liegen: auf dem Hof in Mecklenburg, den sie einst bei der Flucht zurücklassen mussten.
Die erste Schwelle: Gründung des Erdbeeranbaubetriebs Rövershagen
Robert nimmt sich den Brief seines Vaters sehr zu Herzen. Inmitten der vielen Seiten sticht ein Satz besonders hervor: „Die endgültige Betriebsgröße wird durch die Absatzmöglichkeiten bestimmt.“
Ein Gedanke wie ein Donnerschlag. Er bedeutet: Werde nicht nur Bauer, werde Unternehmer! Er startet also gemeinsam mit Schwester Ulrike 1992 mit zehn Hektar Erdbeerfeldern und 13 Erdbeerhäuschen in sein persönliches Gründungsabenteuer. Doch wer Robert Dahl kennt, weiß: Es bleibt nicht beim bloßen Anbau. Inspiriert von der Direktvermarktung seiner Schwester und dem Unternehmergeist seines Vaters, beginnt er, das Konzept „Erdbeere“ völlig neu zu denken.
Prüfungen und Verbündete: Was, wenn die letzte Erdbeere geerntet ist?
Der Betrieb läuft gut an, 1993 folgt die erste Erdbeerernte in Rövershagen. Die Menschen in der Umgebung sind begeistert. So sehr, dass sie auch nach der Erdbeerzeit auf den Hof kommen. Robert erkennt, dass er weitere Produkte braucht, um seinen Kund:innen auch in den kalten Monaten etwas zu bieten. Er ergänzt das Sortiment um lokale Köstlichkeiten der umliegenden Bauern, bietet Kaffee und Kuchen an und errichtet einen kleinen Spielplatz auf dem Gelände. Irgendwann folgt die erste Attraktion, wobei Robert selbst zunächst skeptisch ist, ob Menschen für eine Fahrt bezahlen würden – hat die Familie bis dahin doch bewusst keinen Eintritt verlangt. Aber die großen und kleinen Gäste beweisen ihm, dass das Konzept funktioniert.
Aus dem einfachen Erdbeerhof wird ein Ort, an dem Familien den ganzen Tag verbringen wollen und weitere Fahrgeschäfte folgen nach und nach. Der Betrieb entwickelt sich langsam und ganz organisch in Richtung Erlebnisdorf.

Mit mehreren Höfen stellt sich Robert jedoch auch die Frage, ob es nicht verwirrend ist, wenn die Betriebe jeweils nach einem Ort benannt sind. Wie sollen Besucher:innen erkennen, dass es sich um eine Marke handelt? 2001, 80 Jahre nachdem sein Opa seinen Obst- und Gemüsehof gegründet hat, benennt die Familie das Unternehmen deshalb in Karls um.
Vordringen zur tiefsten Höhle / (Sinn-)Krise: In welche Richtung entwickeln wir uns?
Eigentlich läuft alles perfekt. Die Leute rennen Karl’s die Bude ein, das Team wächst und das Konzept aus regionalen Schätzen und Freizeitspaß geht voll auf. Doch hinter den Kulissen fühlt es sich plötzlich leer an. 2010 macht sich Unzufriedenheit breit. Es werden viele Dinge probiert, aber es fehlt der rote Faden, die Unternehmensphilosophie. Die Dahls setzen sich daraufhin zusammen und sammeln Adjektive, die sie mit Karls verbinden. Aus den ursprünglich über 80 Wünschen der Familienmitglieder identifizieren sie sieben Kernwerte, die zu Karls Unternehmenskern werden:
- natürlich,
- familiär,
- authentisch,
- kreativ,
- großzügig,
- augenzwinkernd,
- liebevoll.
Diese sieben Worte sind mehr als nur Marketing-Blabla. Sie fungieren als knallharter Prüfstein für jede neue Idee. Nur was sich wirklich nach Karls anfühlt, wird gemacht. Die Backmischungsrezeptur des Hofbäckerei-Brotes muss so beispielsweise einer traditionellen Backweise weichen, um wirklich „authentisch“ zu sein. Das Adjektiv „augenzwinkernd“ ist heute quasi die Lizenz, sich nicht so ernst zu nehmen. Ohne diesen Wert gäbe es wohl kaum das legendäre Pipi-Kaka-Land in Loxstedt inklusive Pipi-Kaka-Eis aus der Keramik-Kloschüssel.
Auferstehung und Elixier: Dafür stehen wir mit Opas Namen
Mit festem Unternehmens- und Markenkern ist Familie Dahl heute weiterhin auf Expansionskurs. Zusätzlich zu den acht bestehenden Erlebnisdörfern sind bereits vier weitere in Deutschland geplant und auch ins europäische Ausland sowie bis nach Kalifornien soll der Siegeszug der Erdbeere noch führen.
Robert Dahl schafft es dabei, ein wirklich einzigartiges Erlebniskonzept zu gestalten, was sich stetig weiterentwickelt und auch neu erfindet. Vom Erdbeerdöner bis zur fliegenden Kaffeetafel sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt: „Mit familiärer Freundlichkeit, mit Kreativität, mit augenzwinkernden Glücksmomenten, aber auch mit authentischen Erlebnissen auf dem Land.“
Gemeinsam haben die Familienmitglieder es sich zur Aufgabe gemacht, ein Unternehmen zu schaffen, was ihnen selbst gefällt – eine bessere Qualitätskontrolle gibt es wohl nicht. Eine klare Haltung gehört dabei für sie untrennbar dazu:
„Karls Erlebnis-Dorf steht seit seiner Gründung 1993 für Toleranz und Menschlichkeit. Seit ich unseren ersten Erdbeerhof eröffnete, haben wir einen Ort geschaffen, der alle Menschen zusammenbringt – unabhängig von Herkunft oder Religion. Wir stehen für das Miteinander und ein fröhliches, respektvolles Zusammenleben.“
Robert Dahl
Was für ein schönes Elixier!
*Nachdem Recherchen eine mögliche NSDAP-Mitgliedschaft von Opa Karl nahelegten, reagierte Robert Dahl umgehend mit einem prominenten Statement auf der Unternehmenswebseite. Er zeigt sich darin tief betroffen und verpflichtet sich zur lückenlosen Aufarbeitung der Familiengeschichte durch unabhängige Historiker. Statt die Vergangenheit ruhen zu lassen, nutzt das Unternehmen diese Erkenntnisse als mahnende Bestätigung für seine heutige weltoffene und respektvolle Grundhaltung.
Wie andere Unternehmen mit den dunklen Kapiteln ihrer Unternehmensgeschichten umgehen, findet ihr in diesem Blogpost.
TL;DR: Karls in Kürze 🍓
- 🌱 Familienunternehmen mit über 100 Jahren Geschichte
- 🍓 Wandel durch Krise: Vom Zulieferer zum Direktvermarkter (Erdbeerhäuschen)
- 🚀 1992: Robert Dahl gründet neuen Erdbeerbetrieb in Rövershagen
- 🎡 Schrittweise Entwicklung zum Erlebnisdorf mit Produkten, Gastronomie & Attraktionen
- 🏷️ 2001: Einführung der Marke „Karls“ für klare Wiedererkennbarkeit
- 🧭 2010: Strategischer Neustart mit 7 Markenwerten (z. B. authentisch, kreativ, augenzwinkernd)
- 🎠 Heute: 8 Erlebnisdörfer + Expansion in Deutschland und international geplant
- 💡 Erfolgsrezept: Kombination aus Landwirtschaft, Erlebnis & starker Markenidentität
❤️ Haltung: Fokus auf Gemeinschaft, Menschlichkeit und echte Erlebnisse
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