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Oktober 25, 2018

Hautnah dabei: Neue Erzählweisen im Journalismus dank Virtual Reality

Ein Mädchen steht singend in den Straßen einer belebten Stadt. Um sie herum unzählige Leute, fröhlich schwatzend, mit Einkaufstaschen beladen. In einer Nebenstraße versucht ein Kleinlaster hupend seine Vorfahrt durchzusetzen. Die alltägliche Szene ist friedlich, bis plötzlich ein lauter Knall für pfeifende Ohren sorgt, Staub und Trümmerteile die Sicht vernebeln. Wir Zuschauer stehen mitten drin und verspüren intuitiv ebenfalls das Bedürfnis, wegzurennen und hinter der nächsten Häuserecke Schutz zu suchen.

„Der Krieg scheint weit weg – bis Du ihn selbst erlebst“

Was sich wie ein Albtraum anhört, ist in vielen Gegenden auf der Welt furchterregende Realität. Die beschriebene Szene stammt aus dem syrischen Bürgerkrieg und hat sich in Wirklichkeit so ereignet. Das US-amerikanische Unternehmen Emblematic Group hat die Szene anhand von originalen Foto- und Videoaufnahmen rekonstruiert. Per Oculus Rift können nun alle an dem Ereignis teilhaben. „Der Krieg scheint weit entfernt“, sagt Emblematic-Group-Gründerin Nonny De La Peña, „bis du ihn selbst erlebst.“

Das „Project Syria“, ein Videospiel, das die Teilnehmer an die Schauplätze des syrischen Bürgerkrieges nach Aleppo sowie in ein Flüchtlingsheim führt, soll aufrütteln und zeigen, was Reportagen und Fotos nur schwer transportieren können. Es steht sinnbildlich für eine neue Form des Journalismus, der mittels Virtual Reality (VR) dem Storytelling in den Medien neue Türen öffnet. Beispielhaft zeigt das Video, wie mittels VR neue Erlebniswelten entstehen, bei denen der Zuschauer nicht passiv bleibt, sondern aktiv im Zentrum der Geschichte steht. Als ob der Zuschauer selbst Teil der Handlung ist, nimmt er die Geschehnisse mit allen Sinnen wahr. Diese intensive Erfahrung sorgt im Fall von „Project Syria“ dafür, besser zu verstehen, was es heißt, mitten im syrischen Bürgerkrieg zu stehen. Dies kann zu mehr Empathie und Verständnis für diejenigen Menschen führen, die sich auf den Weg machen, um dem Schrecken zu entkommen.

Menschen sitzen mit VR-Brillen in einem Museum

Quelle: Unsplash/Lucrezia Carnelos

Mittels 360°-Videos in der Story verschwinden

Die Erwartungen an die neue Technik sind hoch: Eine Studie von Goldman Sachs kommt zu dem Schluss, dass der Markt für VR im Jahre 2025 größer sein wird als der klassische TV-Markt. Bisher ist die Technik vorrangig aus dem Gamingbereich bekannt und wird in erster Linie mit Computerspielen zur Unterhaltung assoziiert. Auch in der Werbung kam VR bereits zum Einsatz, um Kunden ein immersives Markenerlebnis zu bieten. In den Medien wird die Möglichkeit, die Zuschauer und Leser mittels VR in fremde Welten zu entführen, immer häufiger genutzt. Die Süddeutsche Zeitung präsentiert ausgewählte Reportagen mittlerweile in VR. Sie führen uns beispielsweise in einen Operationssaal eines Krankenhauses, an den Nürburgring oder in die Favelas von Rio de Janeiro. Das ZDF will den Trend ebenfalls nicht verschlafen und bietet eine große Auswahl an Videos mit einer 360°-Perspektive in einer eigenen Subkategorie.

360°-Videos gelten als die Einstiegstechnologie in die Virtuelle Realität. Der Vorteil hierbei: Sie können vergleichsweise kostengünstig produziert und zudem auf alltäglichen technischen Geräten wie Laptop oder Smartphone angeschaut werden. Entsprechende Kameras sind zum Teil schon für wenige Hundert Euro erhältlich. Die Einbindung auf der Website ist vergleichsweise unkompliziert. Auch YouTube erlaubt den Upload derartiger Videos, die dann nicht nur auf dem Smartphone oder PC, sondern ebenso mit VR-Brillen geschaut werden können.

Videos mit Rundblick sind erst der Anfang

Mögen 360°-Videos häufig beeindrucken, sind bislang nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was möglich ist. Mithilfe von VR muss die Zielgruppe nicht unbeteiligt bleiben, sondern kann interaktiv das Geschehen bestimmen oder mit dem Gezeigten interagieren. Auch abstrakte Sachverhalte können somit anschaulich dargestellt werden, wie das Projekt der Emblematic Group für das Wall Street Journal zeigt. Die Leser des Mediums bekommen die Möglichkeit, mit den aktuellen Börsenwerten des Dow Jones zu interagieren und sich räumlich in den Graphen zu bewegen. Herkömmliche Darstellungsformen wie ein Diagramm werden somit neu erlebbar aufbereitet.

Straßenbauprojekte und ihre Auswirkungen auf die Stadt sind oft nicht leicht vorstellbar. Dies dachte sich wohl auch der RBB und stellt deshalb eine virtuelle Tour über die geplante Verlängerung der A100 in Berlin zur Verfügung.

Neue Herausforderungen für die journalistische Arbeit

Der Vorteil an VR: Es ist nicht nur möglich, in eine (simulierte) Zukunft oder in fremde Länder zu reisen, sondern auch die Vergangenheit kann somit neu erlebt werden. Deutschlandradio Kultur entführt Geschichtsinteressierte in ein Stasi-Gefängnis. Die Reise wird von Original-Tonaufnahmen untermauert. Das Gezeigte wird dabei ab und zu bewusst unterbrochen, um die Informationen journalistisch einzuordnen. Dies offenbart eine Herausforderung an die neuen journalistischen Erzählweisen mittels VR: Der objektive Wahrheitsanspruch der Medien wird auf die Probe gestellt. Das eingangs vorgestellte „Project Syria“ beruht auf originalen Ton- und Videodokumenten. Durch die simulierte räumliche Darstellung und die Nachstellung von Handlungsabläufen verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion. Medien stehen vor der Herausforderung, auf diese Grenzen hinzuweisen und das Gezeigte notfalls einzuordnen. Nur so gelingt der Spagat zwischen journalistischem Produkt und Unterhaltungstechnologie.

Quelle: Unsplash/Christian Fregnan

Fazit: VR-Journalismus steckt noch in den Kinderschuhen

Auch wenn der Einsatz von VR im Journalismus für die Medienhäuser mit hohem finanziellen und technischem Aufwand verbunden ist, stellen die neuen Möglichkeiten für das Storytelling eine große Chance da. Sinkende Zeitungsauflagen und dank des Internets zunehmende Alternativen zu den etablierten Medien führen zu der Herausforderung, mit neuen Erzählformen und qualitativ hochwertigem Content aus der Masse herauszustechen. Der Einsatz der neuartigen Technik hat bislang experimentellen Charakter und stellt eher eine Ausnahme dar, doch das Potenzial ist groß. Wir können gespannt auf neuartige Storys und interaktive Reportagen sein – beim Thema VR im Journalismus stehen wir noch ganz am Anfang. Zukünftige Projekte werden die Grenzen, möglichen Formate und Erzählweisen erst austesten müssen, bis die Möglichkeiten breite Anwendung finden. Die ersten Projekte mit 360°-Videos und interaktiven Reportagen sind erst ein Vorgeschmack auf die neue Welt des medialen Storytellings.

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Liam Kreutschmann