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März 21, 2019

Planet Storytelling: Irland

Was haben Peig Syers, Anna Nic an Luain und Eamon a Burc gemeinsam (abgesehen von der Unausprechlichkeit ihrer Namen)? Sie alle waren irische Geschichtenerzähler, deren Ruhm die Zeit überdauert. Irland ist bekannt für seine Sagen – die Erzählungen über berühmte Könige wie Brian Boru und ihre Heldentaten begeistern seit Jahrtausenden ihre Leser- und Zuhörerschaften. Deswegen verschlägt es uns für den neuen Teil unserer Serie Planet Storytelling auf die grünste aller Inseln.

Panorama-Blick auf die Klippen von Moher an der Westküste Irlands

Von den Barden zu den Seanchaí: die lange Tradition der mündlichen Überlieferung

Das Erzählen von Geschichten ist eine jahrtausendealte Tradition in der irischen Gesellschaft. Die Brauchtümer und Geschichten der Kelten, die 500 v. Chr. die Insel besiedelten, wurden über Jahrhunderte hinweg nur mündlich überliefert. In der keltischen Kultur war nur das soziale Ansehen von Königen höher als das der Barden. Letztere konnten eine unglaubliche Anzahl an Liedern und Erzählungen auswendig, die sie bei Festen oder Veranstaltungen live vor ihrem Publikum vortrugen. Tatsächlich sind diese überlieferten Erzählungen die einzigen verfügbaren historischen Quellen der frühen irischen Geschichte. Aus den Barden entwickelten sich die Seanchaí (gesprochen: shan-a-key). Ursprünglich waren sie Diener des Stammeschefs. Später begannen sie jedoch, von Ort zu Ort zu wandern und die überlieferten Erzählungen ihres Stammes gegen Kost und Logis vorzutragen.

Da viele der Legenden ihren Ursprung im Gaeltacht, also dem Irisch sprechenden Teil des Landes haben, erzählten die Seanchaí traditionellerweise die Geschichten auf Gälisch. Deshalb sind die irische Sprache und Geschichtenerzählen in den Köpfen vieler Iren immer noch untrennbar miteinander verbunden. Literarische Zyklen, Erzählungen oder auch Heldengeschichten werden traditionell von Seanchaí erzählt, da es dazu spezieller Fähigkeiten und Wissen bedarf. Legenden hingegen werden ganz ungezwungen am Küchentisch oder im Pub erzählt.

Die vier wichtigsten Zyklen der frühen irischen Literatur

Die frühe irische Literatur ist von vier großen Zyklen geprägt. Im Finn-Zyklus werden die Abenteuer des keltischen Helden Fionn mac Cumhaill dargestellt. So erlangte er unter anderem die Gabe der Weissagung und traf einst Saint Patrick persönlich. Der Königs-Zyklus erzählt von berühmten Herrschern wie Irlands erstem und einzigem Hochkönig Brian Boru, dessen geschlagenen Schlachten und errungenen Siegen. Wie Cu Chulainn zu seinem Namen kam und in den Kreis der Ritter des Königshauses von Ulster aufgenommen wurde, ist Teil des Ulster-Zyklus. Elfen und Feen spielen die Hauptrolle im mythologischen Zyklus, welcher von mythischen Wesen und Sagengestalten des vorkeltischen Irlands handelt.

Verlassene Straße, die sich durch die Hügel bei Fanore in Murrough, Irland, windet

Von Festivals und sozialen Gruppen: Modern Day Storytelling

In den 1950er-Jahren begannen die Seanchaí zu verschwinden, da das Radio und später das Fernsehen ihnen das Publikum nahmen. Im Social-Media-Zeitalter angekommen sind wir alle global immer stärker vernetzt, aber persönliche Beziehungen leiden oft zugunsten digitaler Bekanntschaften. Nun lässt sich vielleicht deswegen wieder wachsendes Interesse an Storytelling erkennen Es nährt direkte persönliche Verbindungen im echten Leben. So sprießen Storytelling-Events wie das Cape Clear Island International Storytelling Festival aus dem irischen Boden wie Pilze. Gruppen wie Milk & Cookies treffen sich regelmäßig zum Geschichtenerzählen und das Prahlen im Pub mit wild ausgeschmückten Anekdoten aus dem eigenen Leben wird wohl nie aussterben.

Lea Schindler
Als Grammatik-Nerd freut sich Lea, wenn sie selbst an einem Text basteln kann, aber liebt auch Gegenchecks. Obwohl sie eigentlich eine Brille trägt, hat sie Augen wie ein Luchs, wenn es darum geht fehlende Kommata oder Leerzeichen zu entdecken.