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September 22, 2020

Chancengleichheit mit Storytelling: Düzen Tekkal und die German Dreamer

„Wenn ich an GermanDream denke, dann ist das für mich wie verliebt sein und zwar im Dauerzustand, also aus so ‘nem verknallt sein, ist echte Liebe entstanden – mit jedem Wertedialog, mit jeder Begegnung, mit jedem Menschen, der auf mich zukommt und sagt: Ich bin ein ‚German Dream‘ und ich möchte Teil davon sein.“

Der Anfang: Fernab von abstrakten Konzepten…

…funktioniert Storytelling und das sympathische Programm der im Jahr 2018 gegründeten Bildungsinitiative GermanDream. Das Team um die Journalistin, Autorin, Menschenrechtsaktivistin und Sozialunternehmerin Düzen Tekkal hat es sich zu Aufgabe gemacht, Jugendlichen zu zeigen, dass ihr ganz eigener „German Dream“ möglich ist. Düzen lebt ihren bereits. Wie es zu dem Projekt kam und was dieses mit der Kunst des Erzählens gemeinsam hat, durfte ich sie und ihre KollegInnen fragen.

Die große Reise ergibt sich aus vielen Geschichten, die nun endlich erzählt werden können – in einem institutionellen Raum: der Schule. So die Herangehensweise der WertebotschafterInnen, die mittlerweile über 100 Bildungsstätten in der Republik erreichen konnten. Darunter bekannte PolitikerInnen, wie Lars Klingbeil oder Cem Özdemir, KünstlerInnen, wie Katja Riemann oder Jasna Fritzi-Bauer, oder aber auch Menschen aus der Zivilgesellschaft, wie Silvo Magerl – der aus Slowenien einwanderte und über 30 Jahre die Zeche Dinslaken-Lohberg sein Arbeitszuhause nannte. Die autobiografischen Erzählungen führen zu generationsübergreifenden Dialogen. Nicht nur Integration, auch Diversität und individuelle Lebensentwürfe sind hier Thema und lassen SchülerInnen ihre Erfahrungen in lebhaften Diskussionen teilen, die sich letztlich an einer Sache reiben: der Konstitution unserer demokratischen Werte.

Gruppenfoto WertebotschafterInnen

© Markus C. Hurek

Der Exkurs: HAWAR.help

Düzen setzt sich aber nicht nur für die Demokratie in Deutschland ein. Selbst Jesidin, reist sie vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Vater in den Irak – ihre Heimat – hinein in den Bürgerkrieg und merkt einmal mehr, dass das Aufzeigen der Realität dringend notwendig ist. Seitdem setzt sie sich gegen die Verfolgung der JesidInnen, ausgelöst durch den IS, ein. Zurück in Deutschland gründet sie den Menschenrechtsverein HAWAR.help. Um vor allem die 3.000 jesidischen Frauen in Gefangenschaft zu unterstützen, wenn nicht zu retten. Mit ihrem Dokumentarfilm HAWAR – Meine Reise in den Genozid, schafft sie einmal mehr humanistische und realistische Einblicke in akute Gräueltaten. Das vielfältige Engagement von Düzen und ihrem Team, sowohl German Dream als auch HAWAR.help, haut um. Die Basis dafür ist ein Wertekanon, der sich auf die Menschenrechte stützt und sich für eine offene, pluralistische Gesellschaft einsetzt.

Der Mentor: Das Grundgesetz

Zurück zu GermanDream: Die Gespräche in den Schulklassen werden angetrieben von den Geschichten der BotschafterInnen. Sie sind divers und parteiübergreifend. Sie zielen vor allem auf eines ab: Werte. Jeder oder jede BotschafterIn hat seine oder ihre ganz eigenen Belange, die präsentiert und diskutiert werden. So wird über die (Lebens-)geschichten schnell klar: Die freiheitlich-demokratischen Werte innerhalb der deutschen Gesellschaft gehören zu jedem oder jeder und formen sich aus den unterschiedlichsten Erfahrungen. So haben alle das Recht auf eine eigene Meinung, müssen aber eben auch die deutsche Gesellschaft respektieren.

„Wir wollen Jugendliche bundesweit abholen und sie an die Zukunft glauben lassen, damit sie ‚German Dreamer‘ werden. Doch ohne eine freiheitliche, tolerante und pluralistische Gesellschaftsordnung gibt es auch kein Träumen.“

Werte-Collage German Dream

© German Dream

Die Verbündeten: Die WertebotschafterInnen

Dabei geht es nicht darum, Themen der Integration immer und immer wieder durchzuspielen. Kleine Geschichten der Selbstverwirklichung sollen aufmerksam auf die eigenen Chancen machen. Ein dialektischer Prozess der Selbstermächtigung quasi, der generationsübergreifend funktioniert. So zeigt das Team bei den Gesprächen auf, dass Ängste und Hürden, Hoffnung und Triumph alltäglich sind. Von Düzens Schwester Tugba, die deutsche Fußballnationalspielerin, über Janina Kugel, Senior Advisor bei der Boston Consulting Group, bis hin zu Philipp Droste, der freier Schauspieler und Musiker mit ungarischen Wurzeln ist und heut in Berlin lebt, reicht die Palette der Verbündeten, die ihre Werte teilen möchten und dem Kernteam von GermanDream zur Seite stehen.

„Es gab einen Moment, der alles verändert hat. Als ich gespürt und realisiert habe, dass ich mit diesen schweren Aufgaben, die mich gefunden haben, nicht mehr alleine bin. Das war ein Momentum der Stärke und des Getragenwerdens. Als ich realisiert habe, dass ich nichts alleine machen muss, sondern dass Menschen hinter mir stehen, dass ein Team hinter mir steht, dass eine Zivilgesellschaft hinter mir steht, und es immer einen mehr gibt, der an mich glaubt, als derjenige, der mich kritisiert. Das war und ist etwas, was mir bis heute hilft.“

Die Angst: Vordringen zur tiefsten Höhle

Die Themen bedrücken. Die Schicksale wiegen oft schwer. Für Düzen und ihr Team ist es manchmal schwierig. Der Weg wird, wie auf jeder Heldenreise, begleitet von Höhen und Tiefen. Doch wie es bei Projekten, die aus tiefer Überzeugung ins Leben gerufen werden, meistens ist: Hoffnung und Zuversicht gewinnen.

„Wir sind in einem Bereich, wo es um Religion geht, um Frauen, um Identität, um Völkermord, um Kriege. Natürlich sind das harte und unangenehme Themen. Aber wir versuchen auch nie die Hoffnung zu verlieren. Obwohl wir auf der Asche des Völkermords gegründet sind, steht für uns immer das Prinzip Menschen, Liebe und Hoffnung am Ende. Dadurch, dass wir auf der Seite des Handelns stehen und jeden Tag Vorbilder in unterschiedlicher Form vorgelebt bekommen – ob über Wertebotschafter in Schulen oder, oder, oder – spüren wir auch ganz viel Hoffnung und Zuversicht.“

Gründerin von German Dream Düzen Tekkal

Die Belohnung: Hoffnung und Zuversicht

Am Ende der Reise, am Ende eines jeden Schulbesuchs stehen Gänsehaut, überraschende Geständnisse, aber vor allem viele kleine und große ‚German Dreams‘, die „fernab von abstrakten Konzepten“ etwas über die Gesellschaft, in der sie leben, und somit auch ihre eigenen Werte gelernt haben. Auf meine Frage, ob es ein Schlüsselerlebnis gibt, das Düzen motiviert immer weiterzumachen, fiel ihr die Wahl erst schwer – aber dann:  

 „Das sind Menschen, die ich selber bewundere. Menschen wie Janina Kugel oder Edip Demir, die so überzeugt sind, dass der Zauber weitergeht. Das heißt, ich habe damit kaum noch etwas zu tun, denn mein ‚German Dream‘ ist ja schon längst in Erfüllung gegangen. Es geht um den kollektiven German Dream. Da bekomme ich jedes Mal Gänsehaut. Es geht um uns, um unser Land.“

„Der German Dream, das sind wir alle. Das wirklich zu spüren: Das ist das Tolle!“

Lisa de Haardt
Mit einer studierten Mischung aus BWL, Kultur- und Sozialwissenschaft sammelte Lisa erste Arbeitserfahrungen beim Westdeutschen Rundfunk. Nach Jahren im Marketing diverser Theater im Herzen des Ruhrpotts fand sie dann den Weg in die Berliner Agenturbranche. Heute ist sie Teil der Mashies und froh über die berufliche Veränderung.