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September 28, 2021

Planet Storytelling: Indien

Heilige Kühe, Tuktuks, Saris und Mahatma Gandhi – Es sind bekannte Bilder, die uns augenblicklich in den Kopf kommen, sobald wir an unsere heutige Destination des Planet Storytelling denken: Incredible India.

Doch auch wenn die Bilder stark und die Farben reich sind, die Besonderheit dieses südasiatischen Staats liegt nicht nur in seiner beeindruckenden Landschaft. Tage in Indien schütteln alle Sinne durch. Das Land wird gerochen, gefühlt, gehört und geschmeckt. Der typische Geruch nach Gewürzen strömt schon am Flughafen in die Nase. Die Lieblichkeit seiner Tempel, das anhaltende Hupen auf den Straßen, laute Mantra-Musik in den Geschäften, der Geschmack von Garlic Naan, Mango Lassi und Chicken Tikka Masala: All das und noch viel mehr macht das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt aus. Und was liegt sonst noch dahinter? Tasten wir uns einmal genauer ran!

Die Flagge Indiens

@Pixels on Pexels

Mahatma heißt „große Seele“

Nur wenige Jahre, nachdem sich Christopher Kolumbus eingestehen musste, doch nicht den Seeweg nach Indien entdeckt zu haben, legte Vasco da Gama seinen Anker auf indischen Boden. Er überreichte die Landteile der portugiesischen Krone, die weitestgehend im Süden des Landes aktiv blieb. Dies befähigte die europäischen Kaufleute, direkten Handel mit Ostasien zu treiben, was hohe Profite brachte. Diese wiederum waren ein wesentlicher Antrieb für die koloniale Expansion Europas. Im 17. Jahrhundert kamen auch andere europäische Herrscher auf den Geschmack, von denen sich vor allem die Briten durchsetzen konnten.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts unterwarf die auch aus „Fluch der Karibik“ bekannte Ostindien-Kompanie den größten Teil des Landes. In seinen 200 Jahren als Kolonie gab es in Indien einige politische Bewegungen seitens der Einheimischen, die jedoch nie eine völlige Unabhängigkeit forderten. Englisch wurde und ist immer noch Verwaltungs-, Unterrichts- und Wirtschaftssprache des Landes. Erst zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, in den rund 2 Millionen indische Männer für England gezogen waren, gelang es der indischen Bevölkerung, ihre Unabhängigkeit zu erlangen. Durch den bekannten gewaltfreien Widerstand, angeführt durch Mohandas Karamchad Gandhi – die große Seele.

Oberkörperfreie Person geht ins Wasser

@Frank Holleman on Unsplash

Der heilige Ganges und schwimmende Körperteile

Nach Erklärung der Unabhängigkeit 1947 wurde das Land in zwei Länder geteilt: Indien und Pakistan. Damit sollte der muslimischen Bevölkerung, die noch aus Zeiten der Besetzung durch das osmanische Reich stammte, ein eigenes Land gegeben werden. Muslime in Pakistan, Hindus in Indien. Dies führte zu einer der größten Flucht- und Vertreibungsbewegungen der Geschichte und etlichen, auch anhaltenden politischen Konflikten. Heute ist rund 80 Prozent der Bevölkerung Indiens hinduistisch. 14 Prozent ist muslimisch – was immerhin noch rund 200 Millionen Menschen ausmacht.

Dass die Hauptreligion mit 1,366 Milliarden Einwohner:innen der Hinduismus ist, zeigt sich fast an jeder Straßenecke des Landes. Besonders außerhalb New Delhis und vor allem in einer kleinen Stadt am Ufer des Flusses Ganges: Varanasi. Hierhin reisen unzählige Hindus, um zu beten, zu baden und zu sterben. Eine süße und friedliche Atmosphäre liegt in der Stadt, obwohl das Chaos auch hier die Straßen regiert. Viele Hindus haben den Wunsch, sich nach dem Tod am Ufer des Flusses verbrennen zu lassen. Nicht selten kreuzen sich die Wege von Trauergemeinden und Tourist:innen.

Je nach Budget der Familie werden die Körper mehr oder weniger verbrannt und anschließend in den Fluss gestreut. Auch noch lebende Gottesanbeter:innen wagen den Schritt in den Ganges und tauchen mit dem Kopf einmal unter. Eine Tradition, die die hinduistische Bevölkerung vor allem an Feiertagen und am liebsten in Varanasi vollzieht. Das Wasser des heiligen Flusses soll altes Karma vom Leib waschen und die Befreiung aus dem ewigen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt fördern.

Zwei Männer laufen auf indischer Straße

@Frank Holleman on Unsplash

Drei Gottheiten und ihre Kinder

Der ein oder andere mag schon einmal gehört haben: Der Hinduismus ist eine polytheistische Religion. Es gibt also nicht nur einen Gott, sondern mehrere Schöpfer. Und wie bei den alten Griechen auch hat jede Göttlichkeit im Hinduismus ihren eigenen Zuständigkeitsbereich. Nun könnte man meinen bei so vielen Verantwortlichen den Überblick zu verlieren. Doch eigentlich ist es ganz simpel. Denn die Hindus erzählen sich, dass alle göttlichen Wirkungen des Kosmos auf eine dreifaltige Einheit zurückzuführen sind: die Trimurti.

Trimurti ist Sanskrit und bedeutet die „drei Formen“, die drei Gestalten: die Götter Vishnu, Shiva und Brahma.  Brahma ist in dieser Konzeption für die Schöpfung verantwortlich. Er lässt alles entstehen. Vishnu steht für die Erhaltung, für die menschliche und kosmische Ordnung. Um vor Ort nach dem Rechten zu sehen, inkarniert er gelegentlich als Mensch oder Tier. Shiva ist der Gott der Zerstörung. Er löst Altes auf und macht Neuanfänge möglich. Durch diese drei Göttlichkeiten entstand der ewige Kreislauf unseres Kosmos. Hindus glauben, dass Shiva, Vishnu und Brahma über die Jahrtausende immer wieder in Erscheinung getreten sind. So ist der bekannte Gott Krishna eine Ausstrahlung Vishnus. Und Ganesha, der vierarmige Elefant, ist ein Sohn Shivas.

Ganesha Statue

@Artem Beliaikin on Pexels

Von heiligen Kühen und vierarmigen Elefanten

Wie kam es dazu, dass der Sohn eines Gottes wie ein Elefant aussieht? Schaut man sich die Abbildungen Ganeshas, dem „Herrn der Hindernisse“ genauer an, sieht man keine Elefantenfüße, sondern zarte Finger, keinen glatten Bauch, sondern einen Bauchnabel. Ganesha ist nur halb Elefant. Der Sohn Shivas wurde als Menschenkind geboren, geschaffen aus der Haut seiner Mutter und in Abwesenheit seines Vaters, dem Gott der Zerstörung.

Als der Vater von einer langen Reise zurückkam, verweigerte ihm Ganesha, indes für den Schutz der Mutter verantwortlich, den Zugang. Wutentbrannt köpfte Shiva Ganesha und verschaffte sich so Eintritt. Ganeshas Mutter, außer sich vor Trauer, flehte ihren Mann an, den Sohn wieder zum Leben zu erwecken, woraufhin dieser den Kopf des nächsten Tieres auf den Hals des Jungen setzte und ihm wieder Leben einhauchte. Da nun auch Shiva dem Jungen Leben geschenkt hatte, nahm er Ganesha als Sohn an und erklärte ihn als einen der wichtigsten Götter.

Auch wenn man auf Indiens Straßen dem ein oder anderen Elefanten über den Weg laufen kann, so überwiegen doch die Kühe. Faul und zutraulich schlendern sie zwischen wilden Scooter-Fahrern hindurch, bremsen Tuk Tuks ab und holen sich wo sie nur können Reste zum Fressen. Verbirgt sich also auch hinter der Kuh ein indischer Gott oder hat ihre Verehrung einen anderen Grund? Sowohl als auch. Zwar glauben die Hindus, dass der Gott Vishnu sich das ein oder andere Mal in Form einer Kuh gezeigt hat und Krishna unter Kühen als Hirte aufwuchs, jedoch liegen die Ursprünge der Verehrung dieses Nutztiers schon in der vedischen Ära.

Auf Sanskrit aghnya, die Unantastbare, gilt es für Hindus, die Kuh zu schützen und zu ehren, denn sie gibt den Menschen das, was sie zum Überleben brauchen. Genauer, die „Fünf Gaben“, die unter anderem auch für religiöse Zeremonien benötigt werden: Ghee, Mist, Urin, Milch und Lassi. Eine Kuh ist Lebensspenderin und im Hinduismus wird der Kuh-Mord dem Menschen-Mord gleichgesetzt. Wer sein Karma schützen und im nächsten Leben keine Kaste runterrutschen will, sorgt sich besser um die weiblichen Rinder und bringt ihnen die gebührende Dankbarkeit entgegen.

Frau füttert zwei Kühe

@Monthaye on Unsplash

Yoga, Ayurveda & Mindfulness – Indiens Kultur in unserem Alltag

Die Wiege des im Westen heißgeliebten Yogas liegt bekanntlich in Indien. Ursprünglich war Yoga eine rein spirituelle Praxis. Ihre Meditationen hatten vor allem das Ziel, die Praktizierenden zur Erleuchtung zu bringen. Es folgten immer mehr Körperstellungen, die vor allem dafür trainieren sollten, über längere Zeit im Lotussitz verweilen zu können. Die vielen Asanas (Stellungen), wie wir sie von Mady Morrison und dem Yogastudio unseres Vertrauens kennen, entstanden erst in den folgenden Jahrhunderten.

Aufgrund des über 2500 Jahre alten Traditionsreichtum reisen heute noch viele Menschen aus aller Welt für eine tiefgreifende Ausbildung zur Yoga-Lehrperson in das bunte Land. Doch nicht nur mit Yoga und anderen hinduistischen Meditationen wurde der Einklang von Körper und Geist im antiken Indien gefördert. Auch das in Europa bekannte Ayurveda ist eine traditionelle indische Heilkunst, die ein langes Leben verspricht und verschiedene Bereiche wie Ernährung, Pflanzenheilkunde, Massage und Yoga kombiniert. Der Ursprung des Ayurvedas liegt ebenfalls rund 2500 Jahre zurück.

Lächelnde Frau öffnet Haustür

@Vignesh Moorthy on Unsplash

„Bollywood“ sagt man nicht

Shah Rukh Khan, Amitabh Bachchan, Aishwarya Rai und Priyanka Chopra – Namen, die in Indien jedes kleine Kind kennt. Sie sind gefeierte Stars mit den größten Fangemeinden der Welt und Hauptdarsteller zahlreicher millionenschwerer Filmproduktionen. Shah Rukh Khan liegt auf Platz zwei der reichsten Schauspieler. Und dennoch setzte sich der Begriff „Bollywood“ durch. Eine Wortkreation aus dem Filmproduktions-Ort Bombay (heute Mumbai) und dem amerikanischen Hollywood. Als handele es sich hierbei um eine niedliche Nachahmung der großen Filmproduktion in L.A.

Die besser als Hindi-Filme bezeichneten Blockbuster sind fester Bestandteil der indischen Kultur, doch zeigen sie seit einigen Jahrzehnten nur noch die hellhäutigere Oberschicht Indiens, was nicht selten von den internationalen Medien kritisiert wird. Wer trotzdem einmal in das Land der heiligen Kühe und wilden Tänze reinschnuppern möchte, sollte sich einen Hindi-Film nicht entgehen lassen und am besten mit einem guten Curry genießen.

Wo soll die Reise als Nächstes hingehen? Vielleicht nach Mexiko? Russland? Kenia? Steigt ein und lest euch durch die letzten Blogposts unserer Reihe Planet Storytelling.

Josefine Blieschies on Email
Josefine Blieschies
Mit ihrer Leidenschaft für Sprachen und der Liebe zum Detail bekommt jeder Text von Josefine das gewisse Etwas. Der ausgebildeten Dolmetscherin fehlen nur selten die Worte und neben der guten Laune behält sie auch immer einen kühlen Kopf.