KI vs. menschliches Gehirn: So gelingt Storytelling mit und ohne LLMs
Vor einem Jahr habe ich einen Blogartikel zum Thema „Wie texte ich mit ChatGPT?“ angekündigt. Damals glich die Textarbeit mit den Large Language Models (LLMs) noch eher einem Ratespiel. Seitdem hat sich viel verändert: Recherchieren, gliedern, korrigieren oder übersetzen – ohne ChatGPT, Claude oder Gemini ist der Kommunikationsalltag nur ein knappes Jahr später kaum mehr vorstellbar.
Doch mit der Selbstverständlichkeit ist eine neue Frage gewachsen: Was sollte ich besser ohne KI schreiben?
Denn die Versuchung, Kreativität gegen kurzfristige Effizienz einzutauschen, ist verlockender denn je. Doch genau hier entscheidet sich, ob Storytelling künftig nur schneller – oder wirklich besser wird.

Quelle: Mashup Communications / KI-generiert
Von der Idee zur Story: Wann nutze ich KI – und wann nicht?
Ein paar der Tipps & Tricks, die mir vor einem Jahr und im Anschluss an meine Weiterbildung “Texten mit ChatGPT” bei der School for Communication & Management zum Thema vorschwebten, konnte ich in meinen Alltag übernehmen. Von der Recherche bis zum Feinschliff – welche Rolle sollten LLMs heute in der Textarbeit spielen und welche besser nicht?
🟡 Recherche: Ein guter Start
Wie nutze ich KI für die Recherche?
ChatGPT, Claude, Gemini bieten den ersten Anhaltspunkt und helfen, schnell einen Überblick zu bekommen, was zu diesem Thema bereits gesagt ist und welche Argumente dominieren. Doch von hier muss die Recherche weitergehen. Ich prüfe Quellen, betrachte Studien im Original, suche gezielt nach Gegenpositionen und ergänze Perspektiven. Denn eine KI-Suchanfrage ersetzt keine saubere, eigenständige Recherche.
🔴 Denken: Hier bleibt die KI draußen
Wann sollte ich KI nicht für das Schreiben von Texten nutzen?
Wenn es um die eigentliche Idee geht, arbeite ich bewusst ohne KI. Denn Schreiben ist Denken. In dem Moment, in dem ich eine Story zuspitze oder einen Teaser formuliere, entsteht der Kern der Geschichte. Hier entscheidet sich, ob ein Thema originell ist oder nur generischer Quark.
„Gerade im Austausch mit Journalist:innen ist Originalität Voraussetzung dafür, Interesse zu wecken. Denn Redaktionen erhalten inzwischen täglich KI-generierte Themenvorschläge. Wer also auffallen will, braucht eine echte menschliche Perspektive.“
– sagt Alexandra Reinig, Expertin für PR und Data Storytelling.
🟢 Textaufbau: Unterstützung mit Verantwortung
Warum sollte ich KI für die Textarbeit nutzen?
Durch die Arbeit mit LLMs hat mich die Angst vor dem weißen Blatt verlassen. Die KI ist hervorragend geeignet, um Vorschläge zur Struktur oder für Formulierungen zu machen. Denn ChatGPT, Claude oder Gemini denken nicht, sie berechnen, welche Sätze die höchste Wahrscheinlichkeit haben, verstanden zu werden.
Damit die Ergebnisse jedoch überzeugen, müssen Zielgruppe, Kommunikationsziel und Textsorte klar benannt sein. Gutes Prompting ersetzt jedoch keine kritische Prüfung des Gesagten. Was gut klingt, liefert nicht gleich Substanz.
🔴 Meinung präsentieren: Standpunkt erfordert Risiko
Kann ich KI für Thought Leadership nutzen?
Wenn es um Meinungen geht, arbeite ich ohne KI. Gleiches gilt für Überschriften, Kernaussagen oder Zitate: Wertvolle Statements gehen ein Risiko ein. Sie sind manchmal unbequem und – im Unterschied zum Output der Chatbots – nicht darauf ausgelegt, allen zu gefallen.
Thought Leadership – sei es in Fachmedien oder auf LinkedIn – funktioniert jedoch nur mit echten Standpunkten. Wer als Expertin oder Experte wahrgenommen werden möchte, muss Position beziehen. Diese Verantwortung kann keine Maschine übernehmen.
Besonders ChatGPT liebt das Wort “Haltung”, hat selbst aber keine.
🟢 Storytelling: LLMs als Werkzeug für Dramaturgie
Wie nutze ich KI fürs Storytelling?
Beim eigentlichen Storytelling kann KI hilfreich sein, wenn sie bewusst eingesetzt wird. Hier kommt erneut das Prompting ins Spiel. Ich kann das Tool beispielsweise auffordern, sich in eine Szene oder konkrete Problemsituation hineinzuversetzen. ChatGPT, Claude oder Gemini können beim Ausformulieren eine bestimmte Rolle einnehmen, etwa die Goethes (eher unbrauchbar) oder die des Redakteurs XY bei dem Fachmedium XY (sehr brauchbar). Auch Tonalität und Perspektive lassen sich vorgeben, etwa analytisch, locker oder so formuliert, dass auch fachfremde Leserinnen und Leser (”Schreib so, dass es auch deine Oma verstehen würde”) folgen können.

Quelle: Mashup Communications
Allerdings funktioniert das nur, wenn ich das Handwerk selbst beherrsche. Wer Dramaturgie, Perspektivwechsel oder Zielgruppenansprache nicht versteht, wird auch mit KI keine überzeugende Geschichte entwickeln.
🟢 Feinschliff: Effizient, aber kein Ersatz für das Vier-Augen-Prinzip
Wie nutze ich KI für Textkorrekturen?
Mein wahrscheinlich häufigster Prompt lautet: “Verbessere”. Bei Korrekturen leistet KI gute Dienste. Grammatik, Verständlichkeit und stilistische Glättungen lassen sich schnell prüfen. Dennoch ersetzt das nicht das klassische Vier-Augen-Prinzip. Strategische Feinheiten, sensible Formulierungen oder implizite Bedeutungen erkennt eine Maschine nur eingeschränkt.
🔴 Bilder: Authentizität bleibt menschlich
Wie kann ich KI für visuelles Storytelling nutzen?
Hab ich schon KI-generierte Bilder genutzt? Natürlich (für diesen Beitrag zum Beispiel). Bietet die Arbeit mit KI Anknüpfungspunkte für überraschendes visuelles Storytelling? Definitiv, wenn der kreative Impuls von uns ausgeht. Ersetzt die KI authentische Motive? Nein! Visuelles Storytelling braucht weiterhin echte Menschen und reale Situationen, mit denen wir uns verbinden können. Wer sich aus Gründen der Effizienz oder der Umgehung des Urheberrrechts ausschließlich auf KI stützt, riskiert, dass sich das Publikum schnell satt sieht und abwendet.
🟢 Übersetzungen: Schnell, aber prüfpflichtig
Welche KI-Tools sind für die Textarbeit hilfreich?
Bei Übersetzungen ist KI ein hilfreiches Tool, insbesondere für erste Entwürfe. Dennoch prüfe ich die Ergebnisse sorgfältig. Kulturelle Nuancen, branchenspezifische Begriffe oder sensible Kontexte erfordern menschliches Sprachgefühl.
Außerdem empfiehlt es sich, nicht ausschließlich auf ein einziges Tool zu setzen. Je nach Anwendungsfall können spezialisierte Dienste wie DeepL im Bereich Übersetzungen präzisere Ergebnisse liefern. Ein bewusster Tool-Mix erhöht die Textqualität.
Reflektion: Gelassenheit statt Alarmismus
Was ich im Rückblick aus meiner Weiterbildung vor einem Jahr mitgenommen habe, ist Gelassenheit. Ja, KI verändert unseren Beruf. Aber sie ersetzt nicht das, was gute Kommunikation ausmacht: Urteilsvermögen, Sprachgefühl, Neugier.
Die zentrale Frage lautet deshalb: Wo beschleunigt KI sinnvoll – und wo schwächt sie meine Stimme?
Geschwindigkeit ist verführerisch. Doch Relevanz entsteht nicht durch Tempo, sondern durch einen mutigen Standpunkt. Wer viel liest, viel schreibt und sich mit unterschiedlichen Perspektiven auseinandersetzt, wird auch maschinelle Vorschläge einordnen können. Hilfreich ist es, die KI gezielt um Kritik zu bitten oder Antworten nach journalistischen Kriterien bewerten zu lassen. Zu einem professionellen Umgang mit dem Chatbot gehört aber auch, sich fortlaufend mit den zu Grunde liegenden Trainingsdaten und Sprachmustern zu beschäftigen, um Stärken, Schwächen und Grenzen der KI besser zu erkennen.
Fazit: KI ist Werkzeug – keine Stimme
KI-Tools wie ChatGPT, Claude oder Gemini beschleunigen die Text-, aber nicht die Denkarbeit. LLMs berechnen sprachliche Muster – sie entwickeln keinen eigenen Standpunkt und gehen kein Risiko ein. Genau das aber ist entscheidend für Originalität, Thought Leadership und journalistische Relevanz.
Die zentrale Kompetenz verschiebt sich deshalb: Nicht das Schreiben selbst wird zur Kernleistung, sondern das Denken, Einordnen und Bewerten.
Wer KI strategisch nutzt,
- recherchiert eigenständig weiter,
- entwickelt Ideen ohne maschinelle Vorprägung,
- überprüft Inhalte kritisch,
- setzt klare kommunikative Ziele,
- und bleibt sichtbar Urheber der eigenen Standpunkts.
Am Ende entscheidet nicht der beste Prompt über die Qualität eines Textes. Sondern die Tiefe des Gedankens, der ihm zugrunde liegt.
FAQ: KI und Storytelling – die wichtigsten Fragen im Überblick
Was ist der Unterschied zwischen KI-Texten und menschlichem Storytelling?
KI-Modelle berechnen auf Basis von Trainingsdaten, welche Formulierungen statistisch wahrscheinlich sind. Menschliches Storytelling basiert dagegen auf Erfahrung, Intuition und Kontextverständnis. Während KI Muster reproduziert, setzt der Mensch bewusst Akzente und übernimmt Verantwortung für die getätigten Aussagen.
Wann sollte man KI beim Schreiben einsetzen?
KI eignet sich besonders für:
- Erste Recherche und Themenüberblick
- Strukturierung von Texten
- Formulierungshilfen
- Korrekturen und sprachliche Glättungen
- Erste Übersetzungsentwürfe
Wichtig bleibt jedoch die eigenständige Prüfung von Quellen, Argumenten und Nuancen.
Wann sollte man bewusst ohne KI schreiben?
Besonders bei:
- Ideenfindung und Themenzuspitzung
- Überschriften und Kernaussagen
- Meinungsbeiträgen und Thought Leadership
- Zitaten und persönlichen Statements
Hier entscheidet die individuelle Perspektive über Relevanz. KI tendiert zu konsensorientierten, risikolosen Formulierungen. Starke Positionierungen bringen jedoch Risiko mit sich.
Kann KI kreatives Storytelling ersetzen?
Nein. KI kann dramaturgische Vorschläge machen oder Tonalitäten simulieren, ersetzt aber nicht das Verständnis für Zielgruppen, Spannungsaufbau und narrative Tiefe. Wer die Mechanik von Storytelling nicht beherrscht, wird auch mit KI keine überzeugende Geschichte entwickeln.
Wie verbessert gutes Prompting die Textqualität?
Je klarer Zielgruppe, Kommunikationsziel, Medium und Tonalität definiert sind, desto präziser kann ein KI-Tool unterstützen. Effektives Prompting ersetzt jedoch nicht die inhaltliche Verantwortung oder die kritische Prüfung des Outputs.
Welche Risiken birgt KI-gestützte Textarbeit?
- Oberflächliche Recherche
- Fehlende Quellenprüfung
- Generische Formulierungen
- Verlust einer klaren eigenen Stimme
- Kulturelle oder kontextuelle Fehlinterpretationen
Deshalb gilt: KI liefert Vorschläge, keine finalen Wahrheiten.
Wird KI den Beruf von Texter:innen ersetzen?
KI verändert den Arbeitsalltag deutlich, ersetzt jedoch nicht Urteilsvermögen, Sprachgefühl und strategisches Denken. Künftig wird weniger gefragt sein, wer möglichst schnell formuliert – sondern wer Inhalte einordnen, bewerten und mit eigenem Standpunkt versehen kann.
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10. März 2026