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Juni 18, 2020

Interview mit Ingo Sawilla vom Berliner Ensemble: „Das Live-Erlebnis ist das, was Theater im Innersten ausmacht“

„Ein Mann, der etwas zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.“ – Bertolt Brecht

Nach den Worten Bertolt Brechts zu urteilen, waren sowohl Theatermachende, Schauspielerinnen und Schauspieler, als auch Zuschauerinnen und Zuschauer die letzten Wochen schlimm dran. Die Theater mussten mitten in der Spielzeit schließen und sämtliche Veranstaltungen wurden abgesagt oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Wie uns alle, hat die Krise auch kulturelle Einrichtungen völlig unvorbereitet getroffen und vor neue Herausforderungen gestellt. Denn wie kann eine Branche, die von der Nähe und Interaktion mit dem Publikum lebt, Zeiten von Social Distancing überstehen? Das Berliner Ensemble hat dafür ganz eigene Antworten gefunden. Im gemeinsamen Gespräch mit Nora Feist erzählt Ingo Sawilla, Leiter der Kommunikation am Berliner Ensemble, wie sie mit ihren ZuschauerInnen in Dialog getreten sind, welche erfolgreichen Konzepte aus der Not heraus entstanden und wie ein Theaterbesuch in Zukunft aussehen könnte. Vorhang auf für ein gelungenes Storytelling in der Krise!

Nora Feist und Ingo Sawilla

Quelle: Mashup Communications

NORA Wir haben uns zum Gespräch Ingo Sawilla eingeladen. Er leitet die Kommunikation des Berliner Ensembles und hat während der Corona-Krise mehrere Online-Projekte ins Leben gerufen, über die wir heute sprechen wollen. Schön, dass du da bist, lieber Ingo.

INGO Hallo! Danke für die Einladung.

NORA Sehr gern! Ingo, Theater erzählt seinem Publikum Geschichten die emotional berühren, unterhalten oder nachdenklich machen. Der direkte Kontakt zu den ZuschauerInnen ist daher ein wichtiger Teil dieser Branche. Doch in Zeiten von Social Distancing ist es schwierig, dies umzusetzen. Welche Maßnahmen habt ihr getroffen, um eure Zielgruppen weiterhin erreichen zu können? Und wie hat es das Berliner Ensemble geschafft, sich schnell anzupassen und zu digitalisieren?

INGO Das war für uns natürlich erstmal eine komplett neue Situation. Das Theater lebt schließlich vom direkten Kontakt mit dem Publikum, es ist das sozialste Medium überhaupt. Ohne unser Publikum kommt eigentlich gar kein Theater zustande. Deswegen waren es für uns ganz neue Vorzeichen, als es plötzlich hieß, wir dürfen erstmal nicht mehr vor Publikum spielen. Wir haben zunächst innegehalten und kurze Zeit gebraucht, um uns neu zu sortieren. Wir haben dann aber ziemlich schnell gemerkt, dass wir mit unseren Auftritten in den Sozialen Medien und mit unserer Website gute Kanäle haben, um weiterhin mit unserem Publikum in Kontakt zu bleiben. Um Themen zu diskutieren und Sachen anzuregen und einfach weiter zusammen nachzudenken. Wir haben dann mit BE at Home einen eigenen Bereich auf der Website kreiert, – und eben auch für die Außenkommunikation einen eigenen Bereich geschaffen – unter dem wir verschiedene digitale Projekte zusammengefasst haben. Das war der Versuch, auch digital weiterhin in Kontakt und im Austausch mit unserem Publikum zu bleiben.

Logo der Initiative BE at Home

Quelle: Berliner Ensemble/Foto Markus Hilbich

In dem Zusammenhang haben wir auch immer von „Physical Distancing“ und bewusst nicht von „Social Distancing“ gesprochen, weil wir eben diese soziale Distanz mit unseren Projekten überwinden wollten. Dafür haben wir uns verschiedene Ideen einfallen lassen.

Eines der ersten Projekte war #BEdenkzeit, bei dem wir angefangen haben, angelehnt an die Tradition des Fragebogens von Max Frisch, unserer Community Fragen zu stellen: Wir haben uns überlegt, dass jetzt viele Leute gerade allein zu Hause sitzen, in einer komplett neuen Situation, und wir uns doch alle damit beschäftigen, wie es wohl weiter geht. Was das eigentlich für eine Lage ist, in der wir uns gerade alle befinden. Dieses Nachdenken und die Auseinandersetzung mit der Situation wollten wir anregen und bündeln. Dazu haben wir jeden Tag in den Sozialen Medien eine Frage gestellt und auf unserer Website gesammelt. Außerdem kann man alles unter dem Hashtag #BEdenkzeit auf Twitter finden.

Was uns positiv überrascht hat war, dass sich von Anfang an viele, am Ende viele hundert Menschen, beteiligt haben. Das war der Moment wo ich gemerkt habe, dass wir damit etwas Gemeinschaftsstiftendes schaffen und zum Austausch anregen können. Und ich glaube, viele haben in diesem Moment gemerkt, dass sie nicht allein sind mit ihren Fragen. Denn viele Menschen machen sich momentan Gedanken und fragen sich, wo wir gerade sind in der Krise: Was kann sie Positives bringen, was Negatives? Wo geht es gemeinsam hin? Ich glaube diese schnelle Aktion war sehr sinnstiftend und hat ausgedrückt, dass wir etwas versuchen wollen, um diese physische Distanz zu überbrücken.

Zudem haben wir auch verschiedene ältere Projekte wieder aufgegriffen und unter BE at home zugänglich gemacht, darunter u.a. einen 360°-Walk durchs Haus, um auch die Sehnsucht vieler Zuschauerinnen und Zuschauer nach dem konkreten Ort, unserem geschichtsträchtigen Theatersaal, zu lindern.

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NORA Würdest du sagen, dass sich euer Publikum oder eure Zielgruppe durch die Digitalisierung verändert hat?

INGO Ich konnte die letzten Wochen feststellen, dass wir über die Website nicht ganz die Zugriffszahlen erreichen konnten, die wir normalerweise haben. Das liegt in erster Linie natürlich daran, dass die Leute in der Regel auf unsere Website schauen, um sich über Vorstellungen zu informieren und direkt Karten zu kaufen. Das allein sind viele tausend pro Woche. Daher ist der Zugriff insgesamt um ca. 20 Prozent gesunken. Was uns aber sehr gefreut hat ist, dass wir gleichzeitig über 25 Prozent neue Leute erreicht haben, die vorher noch nie auf unserer Website waren. Grund dafür waren viele neue Digital-Projekte wie unsere wöchentlichen Streamings von Vorstellungen, verschiedene Video-Reihen und ein gemeinsames Podcast-Projekt mit der FAZ. Das waren alles Maßnahmen, mit denen wir auch völlig neue Leute erreichen konnten. Besonders die Kooperation mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat uns noch mal eine ganz neue Zielgruppe eröffnet. Zudem ist es uns durch verschiedene Aktionen auf Facebook, Twitter und Instagram gelungen, auch internationales Publikum zu erreichen. Gerade auch über die Streams, die zum Teil Englisch untertitelt waren und so eine größere Teilhabe ermöglichten.

NORA Was erwartet denn das Theaterpublikum von einem Online-Auftritt? Welche Geschichten kamen besonders gut an oder welche Formate?

INGO In erster Linie erwartet das herkömmliche Theaterpublikum einen Service-Mehrwert von unserer Seite. Die ZuschauerInnen gehen auf unsere Seite, um Informationen zu einer Inszenierung zu bekommen, Karten zu kaufen und um schnell zu erfahren, wann Vorstellungen sind. Das versuchen wir allerdings schon seit Beginn unserer Arbeit am BE ein bisschen aufzuweichen. Und zwar, indem wir insgesamt einen Mehrwert anbieten, der über den reinen Servicegedanken hinausgeht – einerseits über Videos wie Interviews und Backstageeinblicke und besondere Fotos, aber andererseits auch und vor allem über die Sozialen Medien, wo wir versuchen, die Leute näher ranzuholen. Das ist grundsätzlich unser Ziel.

Und jetzt war eben die Frage, wie wir die Menschen einerseits zum Nachdenken anregen, aber auch unterhalten können. Da hat, wie eben schon angesprochen, neben der #BEdenkzeit der Podcast mit der FAZ sehr gut funktioniert. Unterschiedliche Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der ganzen Welt haben für die FAZ unter dem Titel „Mein Fenster zur Welt“ ihre Sicht aus ihrem Bürofenster auf die Welt, also auf die Krise, geschildet. Diese Texte haben wir wiederum mit unserem Ensemble vertont. Das war ein sehr schönes Erlebnis. Nicht nur, weil es zum Teil wirklich tolle Texte waren, sondern auch für unser Ensemble, das nach den ersten Wochen der Krise, natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln, endlich wieder ins Haus kommen konnte. Sie konnten Texte einsprechen und sich mit den Inhalten auseinandersetzen. Das war für alle Beteiligten ein schönes Erlebnis.

Die reduzierte Bestuhlung im Theatersaal des Berliner Ensembles

Quelle: Ingo Sawilla

Und was natürlich besonders gut funktioniert hat war, dass wir immer versucht haben, alle Maßnahmen in unser Storytelling einzubinden bzw. mit allen Projekten Geschichten zu erzählen. Sehr wichtig und zentral dabei war für uns immer das Haus. Über das leere Theater haben wir eine eigene Video-Reihe mit Monologen kreiert, „Stimmen aus einem leeren Theater„, wo wir unsere verwaisten Räumlichkeiten direkt gezeigt haben und somit auch die Lücke, die das Publikum hinterlassen hat, sichtbar gemacht haben. Das hat ganz gut funktioniert, auch über Fotos auf Instagram usw.

Dabei ist mir ein besonderes Foto gelungen: Es zeigt den Zuschauerraum von oben, nachdem wir als Maßnahme zur Einhaltung der Abstandsregeln angefangen haben, erste Sitze auszubauen. Man sieht, dass zwischen den einzelnen Plätzen große Lücken sind, um eben die physische Distanz einhalten zu können. Das Bild hat total einen Nerv getroffen. Denn dieses Foto hat vielen Leuten etwas erzählt. Für uns drückt das Bild etwas Positives aus, nämlich dass wir überlegen, wie es in Zukunft weitergehen kann, dass wir aktiv sind und Wege suchen, ausprobieren, was neue Ideen sein könnten, um die Abstandsregeln einzuhalten und trotzdem im Haus spielen zu können. Das Foto hat sehr viele Emotionen freigesetzt und unglaublich gut über die Sozialen Medien funktioniert. Es wurde weit über 10.000 Mal auf Facebook geteilt und allein über unsere Social Media Kanäle haben es mittlerweile über 4,5 Millionen Menschen gesehen. Und das sind nur die Aufrufe, die ich auch nachvollziehen kann. Das hat anschließend auch eine große Medienwelle ausgelöst. Es war u.a. ein Fotograf der New York Times da, es gab über 300 internationale Berichte u.a. auf NBC, BBC, in Le Figaro und El Pais, unser Intendant hat dem Guardian ein ausführliches Interview gegeben. Das war wirklich unglaublich, weil es im Nachhinein ein Foto zur Zeitgeschichte war, das eine große Geschichte erzählt hat. Ich habe als Caption dazu geschrieben „Neue Realität“, was für viele Kommentatoren ein Aufhänger war. Die Frage, ob es wirklich eine neue Realität darstellt und wie sinnvoll das ist. Aber auch, ob das noch das Theater ist, das wir alle kennen, lieben und wollen. Das Foto wurde unter anderem auch auf einer halben Seite in der Süddeutschen Zeitung abgedruckt. Das kann man nicht planen.

NORA Du hast schon mal gesagt, dass Theater für euch eine so große Relevanz hat, dass ihr es auch als wichtig anseht, das Theater wieder für das Publikum zu öffnen. Auch wenn es monetär für euch erstmal gar nicht von Vorteil ist, wenn nur ein Teil der Plätze besetzt werden kann. Wie viele Zuschauer passen nun noch rein? Ein Drittel?

INGO Normalerweise finden im Großen Haus rund 700 ZuschauerInnen Platz, jetzt werden es noch etwa 200 sein. Also sogar weniger als ein Drittel. Aber es ist uns einfach sehr wichtig, bald wieder zurückzukehren, das ist unser Auftrag und ein Herzensanliegen. Bis dahin wollen wir weiter präsent bleiben, damit die ZuschauerInnen uns nicht vergessen. Unser Intendant hat beispielsweise selber angefangen, wöchentliche Newsletter zu schreiben, in denen er Einblicke in unsere Prozesse gegeben hat. Auch das Foto aus dem Zuschauerraum ist ein Beispiel dafür, dass ich die Leute immer daran teilhaben lassen möchte, was bei uns im Theater gerade passiert – eben auch während der Corona-Zwangspause. Diese Möglichkeit zur Teilhabe und diese Transparenz ist ein großes Anliegen von mir persönlich. Damit die Leute verstehen können, wie Theater entsteht und wie unsere Prozesse funktionieren. Da gehört das eben auch dazu. Ein Regisseur, mit dem ich mal länger zusammengearbeitet habe, hat einmal gesagt: „Theater ist die Müllabfuhr für die Seele“. Das fand ich ganz schön, weil es zeigt, dass die Menschen das Theater brauchen, als moralischen Kompass und als Denkfutter. Und dass die Leute eben jetzt auch eine große Sehnsucht haben, wieder zu uns zu kommen.

NORA Das glaube ich auch! Bei Storytelling geht es ja immer darum die Leute mitzunehmen und auch authentische Geschichten von sich zu erzählen. Hinter die Kulissen blicken zu lassen. Und ich glaube erst recht in der Krisenzeit, wo man eben nicht zusammenrücken kann, ist das ganz wichtig. Dass man die Leute trotzdem abholt, mitnimmt, moralisch aufbaut und einen Einblick gibt. Wir haben das selbst bei Mashup Communications in unserem kleinen Kosmos angefangen, dass wir Homeoffice Storys gemacht haben und die MitarbeiterInnen in ihr Wohnzimmer haben blicken lassen. Damit man ein gemeinsames Gefühl hat.

Und das ist wahrscheinlich noch mal viel größer und relevanter im Theater, oder?

INGO Wir haben tatsächlich als eines der wenigen Theater nicht solche Home Storys gemacht, das war eine ganz bewusste Entscheidung. Wir haben eher versucht, andere und eigene Wege zu finden, beispielsweise mit der Video-Reihe oder dem Podcast. Das hat auch ganz gut funktioniert, weil es sich eben dadurch ein Stück weit von anderen abgesetzt hat. Aber natürlich funktioniert Theater eigentlich über seine SchauspielerInnen und ProtagonistInnen, über das Ensemble. Für mich war es total ungewohnt, als das in der Krise gefehlt hat. Denn normalerweise habe ich unendlich viele Geschichten vor mir. Wenn mich jemand nach meinem Job fragt antworte ich immer gerne, dass ich Geschichtenerzähler am Theater bin. Denn ich begreife mich nicht als Werbe-Futzi oder als PRler, sondern als jemand, der das große Glück hat, Geschichten aus dem Theater erzählen zu können. Ich muss nur aus meinem Büro rausgehen und habe eine Fülle an Geschichten aus den Werkstätten oder von den Proben, weil bei uns einfach jeden Tag etwas stattfindet. Das war natürlich in der Krise erstmal nicht da, weil auch niemand im Haus war.

Deswegen gab es erstmal Fotos vom leeren Haus, um eben dann diese Lücke abzubilden. Und auch jetzt auf dem Weg zurück – wir haben vor vier Wochen unseren neuen Spielplan vorgestellt – haben wir, unter Einhaltung der Abstandsregeln, Journalistinnen und Journalisten ins leere Haus eingeladen und dort Fotos gemacht, von unserem Intendanten mit Maske im verwaisten Haus, um immer wieder diese Geschichten auf allen Kanälen zu erzählen. Denn das ist es eben, was die Leute interessiert und wo dann auch insgesamt eine Geschichte daraus wird. Nicht nur in den Sozialen Medien, sondern auch in der Presse, im Newsletter usw.

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NORA Habt ihr denn euren Spielplan noch mal angepasst oder geändert? Behaltet ihr die digitalen Projekte bei? Oder wie wird das in Zukunft aussehen?

INGO Wir sind gerade noch mitten im Prozess des Nachdenkens über die Zukunft. Die Krise hat uns schließlich mitten in voller Fahrt getroffen. Im Januar und Februar hatten wir über 90 Prozent Auslastung und waren ein komplett im Betrieb stehendes Haus. Wir wurden dann jäh gestoppt und mussten uns erst einmal zurechtfinden. Das ist uns nicht zuletzt durch die Streams gut gelungen, über die wir einmal wöchentlich ein Theaterstück zugänglich gemacht haben. Neben aktuellen Repertoire-Stücken haben wir auch historisch bedeutende Inszenierungen aus dem Berliner Ensemble geziegt. Da haben wir schnell gemerkt, dass das auch weltweit Leute anspricht. Gerade eine Inszenierung wie „Mutter Courage und ihre Kinder“, die Brecht selbst am BE inszeniert hat. Über die Sozialen Medien haben uns viele Menschen geschrieben, dass sie zwar gar kein Deutsch verstehen, aber z.B. mit ihrem spanischen Textbuch vor dem Stream sitzen und versuchen, alles zu übersetzen. Generell haben wir weltweit sehr viel Feedback bekommen und über 20.000 Leute haben diesen Stream angeschaut, obwohl er ohne Übertitel war! Und da stellt sich für die Zukunft natürlich die Frage, was wir noch weiter damit machen können. Gut angekommen sind auch die digitalen Publikumsgespräche. Zwei bis drei SchauspielerInnen waren dann tatsächlich vor Ort im leeren Theater und haben Fragen zur Inszenierung beantwortet.

NORA Und dann habt ihr noch jemanden dazu geschaltet, oder?

INGO Genau. Wenn jemand nicht in Berlin sein konnte, haben wir ihn z.B. aus Hamburg dazu geschaltet, aus Köln oder überall sonst. Unser Ziel dabei war es, trotz allem Gemeinschaft zu stiften. Theater ist schließlich auch Gemeinschaft, sowohl unter den ZuschauerInnen, als auch unter und mit den SchauspielerInnen. Das Publikum konnte dann den Stream schauen und hinterher, wie sonst auch, am Publikumsgespräch teilnehmen und der Regisseurin, dem Regisseur oder den SchauspielerInnen Fragen dazu stellen. Das hat glücklicherweise sehr gut funktioniert und es haben jedes Mal viele hundert Leute zugeschaut. Was schön war, weil es eben auch ein Versuch war, immer wieder zurückzukehren und in den direkten Kontakt mit den Menschen zu treten. Das wollen wir auch gern beibehalten. Es hat nämlich nicht nur unserem Publikum gefallen, sondern auch den SchauspielerInnen, für die es ebenfalls eine tolle neue Erfahrung war.

NORA Seit Juni sind Aufführungen vor Publikum unter freiem Himmel nun offiziell wieder erlaubt. Ihr habt schnell reagiert und das Hoftheater ins Leben gerufen, wo ZuschauerInnen seit dem 10. Juni improvisierte Stücke kostenlos und draußen erleben können. Was bedeutet es für euch nach einer so langen Zeit wieder in Interaktion mit dem Publikum treten zu können? Und wie ist das Feedback?

INGO Das Feedback ist enorm groß, die Karten waren innerhalb von 5 Minuten alle weg! Unser Open-Air-Programm ist ein Versuch, wieder Begegnungen zu ermöglichen, in einen direkten Austausch zu treten. Unser Intendant sagt immer, es handle sich um einen „Gruß aus der Küche“, also ein Appetithappen, bevor wir im September dann wieder richtig spielen können. Ein Lebenszeichen, dass wir noch da sind und Bock haben, zu spielen. Dass wir kreativ mit den Einschränkungen umgehen. Dem Ensemble war es sehr wichtig, noch vor der Sommerpause wieder realem Publikum gegenüber treten zu können – der erste Applaus hat auch mir Gänsehaut beschert nach fast drei Monaten ohne dieses unmittelbare Feedback. Das macht Theater einfach aus!

Blick auf die Bühne des Hoftheaters vom Berliner Ensemble.

Foto: Moritz Haase

NORA Und streamt ihr das auch?

INGO Nein, das ist tatsächlich nur live, da haben wir uns bewusst für entschieden. Wir überlegen jetzt für die nächste Spielzeit, wie wir weiterhin Streams ermöglichen können. Wir werden jetzt jede Inszenierung professionell aufzeichnen mit mehreren Kameras. Das ist ein Learning aus der Krise, das war bisher noch nicht bei allen Produktionen möglich. Und das soll auch ein Signal ans Publikum sein, dass wir weiterhin auch digital ein Gemeinschaftserlebnis schaffen wollen.

NORA Sehr schön! Wenn du jetzt noch mal rückblickend eure Heldenreise als Theater Revue passieren lässt: Was waren die größten Herausforderungen, die größten Hürden, die ihr nehmen musstet? Und wann habt ihr sozusagen die Schwelle zum Abenteuer genommen?

INGO Es war grundsätzlich für uns erstmal eine ganz neue Situation. Es war zunächst auch gar nicht klar, ob wir überhaupt streamen können. Da gab es viele rechtliche Fragen: AutorInnenrechte, KünstlerInnenrechte, das musste alles geklärt werden. Aber wir haben uns gesagt, wir finden unseren Weg durch diese Zeit und wir wollen unser Publikum auch immer möglichst transparent daran teilhaben lassen. Das spielt bis jetzt eine große Rolle, dass wir immer sehr offen und transparent kommuniziert haben. Eben auch über unseren Intendanten, der viele Presseinterviews gegeben hat. Ich denken, wir haben die Möglichkeiten gut genutzt, die wir hatten. Für mich war es zunächst völlig undenkbar, die Öffentlichkeitsarbeit für ein Theater aus dem Homeoffice zu machen. Weil mein Job einfach total am Live-Erlebnis hängt. Ich bin normalerweise jeden Tag im Theater, schaue auf Proben vorbei, gehe abends in die Vorstellungen und gucke, wie das Stück beim Publikum ankommt. Das sind Geschichten, wie Theater entsteht.

Normalerweise mache ich jeden Tag Fotos und poste die unter dem Hashtag #BEbackstage, um zu zeigen, wie unsere Prozesse ablaufen. Da einen neuen Modus zu finden und trotzdem Einblicke zu gewähren in einen Betrieb, der so nicht mehr stattfindet, war tatsächlich die größte Herausforderung. Und die Leute auch zu binden. Ich kann aber relativ unbescheiden sagen, dass uns das so gut wie wenig anderen Theater gelungen ist, obwohl wir vergleichsweise kleine Communities haben. Denn wir sind erst seit zweieinhalb Jahren auf Social Media aktiv, weil der vorherige Intendant das nicht wollte. Aber wir haben gerade auf Facebook die allergrößte Reichweite und die meisten Interaktionen, weil wir eine sehr aktive Community haben. Das konnten wir noch einmal steigern, gerade auch durch unsere Fragerunde #BEdenkzeit. Auch über das Fragemodul bei Instagram haben wir hunderte Antworten bekommen. Ich glaube das hat die Community noch mal ein bisschen näher an uns gebunden.

NORA Trotz Abstand! Das ist ja eigentlich paradox.

INGO Ja, weil wir trotz der physischen Distanz eine soziale und emotionale Nähe aufbauen konnten. Die Leute waren aktiver und ich glaube, wir konnten sie einfach gut abholen. Und so gehen wir jetzt auch aus der Krise raus, mit dem guten Gefühl, dass wir trotz der Distanz weiterhin in einem engen Kontakt mit unserem Publikum bleiben konnten. Und das hoffentlich auch weiterhin bleiben, wenn wir dann im September wieder spielen.

 

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NORA Eine letzte Frage habe ich noch. Wenn du sagst du bist Geschichtenerzähler oder Storyteller: Was ist denn deine liebste Geschichte? Oder auf welche freust du dich jetzt im BE, die du unbedingt gerne sehen oder erzählen würdest?

INGO Ich glaube, ich habe gar keine Lieblingsgeschichte. Das Schönste ist wirklich zu versuchen, die Leute an den Live-Erlebnissen teilhaben zu lassen. Ich bin ein großer Echtzeit-Fanatiker. Ich mache gerne ein Foto, kurz und schnell, beispielsweise vom Schlussapplaus der Premiere und poste es genau in der Sekunde, wo es passiert. Dann können die Leute auf Facebook oder Instagram das Gefühl erleben, tatsächlich daran teilhaben. Ich habe beispielsweise mal für die Bayreuther Festspiele gearbeitet, da war uns der Echtzeit-Aspekt auch ganz wichtig. Weil weltweit der Fokus darauf lag und wir so den Leuten das Gefühl geben konnten, sie können gerade jetzt selbst Teil von diesem Wahnsinns-Applaus oder dem Erlebnis an sich sein. Das ist tatsächlich das, worauf ich mich auch wieder am meisten freue: Das Live-Erlebnis teilen zu können. Denn das ist es, was Theater im Innersten ausmacht. Auch wenn wir neue Wege im digitalen Bereich finden und gefunden haben. Da gab es jetzt sicher auch für mich noch mal einen Anschuppser, dass wir Theater auch viel mehr mit diesen Geschichten erzählen. Dass man sich mit den unendlichen Möglichkeiten des Geschichtenerzählens auch digital noch viel mehr auseinandersetzt. Aber trotzdem ist das Wesen des Theaters immer noch die Live-Interaktion. Und um das erfahrbar und erlebbar zu machen gehe ich jeden Tag gerne ins Theater.

NORA Wie schön! Dann freuen wir uns sehr, dass es bei euch mit dem Hoftheater jetzt auch physisch weiter geht und auch ein paar Leute ins Theater kommen können. Also kauft Karten und besucht das Berliner Ensemble! Vielen Dank, Ingo.

INGO Sehr gerne! Folgt uns gerne auch auf Social Media, dann könnt ihr noch mehr daran teilhaben, was bei uns jeden Tag vor und hinter den Kulissen passiert. Danke für die Einladung!

NORA Sehr gerne und vielen Dank!

Noch mehr spannende Gespräche und Insights zum Thema Brand Storytelling findet ihr auf unserem Podcast. Hört zum Beispiel mal in unsere letzte Folge mit Björn Tantau rein!

Anna-Lina Pyrskalla
Anna-Lina liebt Worte und das Arbeiten am Text, hier kann sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen und spannende Geschichten entdecken. Wenn der Kopf raucht, findet die begeisterte Yogini Ruhe und Kraft bei einem entspannenden Flow. Namaste.