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Juli 18, 2016

Politik und Snapchat? Silver Surfer trifft auf digitale Überwältigung

Snapchat Politik

„Ist Snapchat das neue große Ding in der Politik?“ fragte mich neulich eine Journalistin vom Hessischen Rundfunk in einem Interview. Damit meinte sie, ob die deutschen Politiker die Instant-Messenger-App zukünftig nutzen werden, um die verloren geglaubte, oft politikverdrossen wirkende Jugend für sich zu gewinnen. Schließlich ist die momentane Hauptzielgruppe der Snapchat-Nutzer zwischen 18 und 24 Jahren alt, gefolgt von den 13 bis 17 und 25 bis 34-Jährigen.

Um meine Antwort gleich vorwegzunehmen: Nein, ich glaube nicht, dass Snapchat für deutsche Politiker das nächste große Ding in den Sozialen Medien sein wird und für die Bundestagswahl 2017 einen entscheidenden Einfluss auf die Wähler nimmt.

Wenige Accounts, noch weniger Inhalt

Bis jetzt ist die Anzahl der snappenden Politiker noch sehr übersichtlich. Gefühlt eine Handvoll von ihnen hat sich an das junge, hippe, für die ältere Generation völlig unverständliche Soziale Netzwerk herangetraut. Die jungen Mitglieder der großen Parteien wie die Jungen Liberalen oder von der Union sind bis jetzt bei Snapchat vertreten oder aber auch Parteien, wie die LINKE. Jeder Eintritt eines Bundestagsabgeordneten in den Snapchat-Kosmos wird noch persönlich im Netz begrüßt und gefeiert. Der bloße Account ist aber bei den meisten Politikern auch alles. Wirklich aktiv ist dort niemand.

Fluch und Segen der Vergänglichkeit

Einzig CDU-Generalsekretär Peter Tauber versucht kontinuierlich Geschichten via Snapchat zu erzählen und sein Publikum in seinen politischen Alltag mitzunehmen. Im Interview mit dem Hessischen Rundfunk hört man aber heraus, dass es ihm nicht wirklich viel Spaß bereitet. Die Vergänglichkeit mache ihm als Historiker vor allem zu schaffen.

Dabei macht genau diese Vergänglichkeit den einzigartigen Reiz von Snapchat aus. Alles ist dadurch lockerer, wirkt nicht bewusst inszeniert, die Geschichten erleben wir im Hier und Jetzt. Zudem werden die Snaps bewusst von den Nutzern aufgerufen und laufen nicht wie bei Facebook durch Filter und willkürliche Timeline. Die User konsumieren die Snaps deshalb sehr aufmerksam und Botschaften erreichen ihre Viewer viel zielgerichteter als auf anderen Kanälen.

Storytelling-Werkzeug par excellence

Und last but not least eignet sich Snapchat so wunderbar als Tool für Visuelles Storytelling. Denn die einzelnen Snaps werden hintereinander als Filmreihe zusammengestellt und begleiten authentisch den zum Beispiel (doch hoffentlich) abwechslungsreichen Alltag eines Politikers. Da die Snaps nur für 24 Stunden zu sehen sind, müssen sich die Politiker aber immer wieder neue Geschichten überlegen: kleine Begebenheiten neben den offiziellen Terminen, vielleicht an Orte mitnehmen, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt, oder Persönliches von sich preis geben.

Wenn schon, denn schon!

Wenn man aber Snapchat nur nutzt, weil man denkt, das müsse man jetzt so machen und nur halbherzig alle paar Wochen einen Snap absetzt, bringt es gar nichts. Und wer auch sonst im Leben nicht wirklich charismatisch und gewitzt ist und die neuen Medien zu benutzen weiß, à la Barack Obama oder Justin Trudeau, der wird auch via Snapchat keine coolen Inhalte liefern, die für die jungen Wähler interessant sind. Bilder vom Parteitag, die ich auch genau so im TV sehen kann, sind logischerweise eher lame.

The next hot shit?

Grünen-Politiker Özcan Mutlu hat sich ebenfalls einen Snapchat-Account angelegt, weil seine Tochter meinte, dass Facebook und Twitter schon so oldschool seien. Content liefert er trotzdem nicht. Er beantwortet aber die Frage der Radiomoderatorin, ob Snapchat im Bundestagswahlkampf 2017 eine Rolle spielen wird, mit einem überzeugenden Ja. Als Grund nennt er die USA als Vorbild, woher der Trend sozusagen hinüberschwappen wird. Ich bin da aus heutiger Sicht skeptisch, lasse mich aber gern eines Besseren belehren. Wahrscheinlich wird es am Ende so sein, dass sich die Zielgruppe von Snapchat Richtung älteres Publikum wandeln wird und als Heiliger Gral bei Marketingverantwortlichen und Politikern für die heißbegehrte junge Zielgruppe angesehen wird, diese aber längst weitergezogen ist in ein noch hipperes Netzwerk. Ich freue mich jedenfalls schon, wenn Peter Tauber und Özcan Mutlu dann ihre neue Zielgruppe via musical.ly überzeugen wollen oder was auch immer 2017 der neue heiße Social-Media-Scheiß der jungen Generation sein wird.

 

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